04.09.2008, 17:40 Uhr
Viele halten sie für eine harmlose Kinderkrankheit, manche Eltern veranstalten sogar Masernpartys, um die Kinder noch vor der Einschulung mit dem Virus in Kontakt zu bringen. Doch Kinderärzte schlagen jetzt Alarm: Masern führen offenbar mindestens fünf Mal so häufig zum Tod wie bisher angenommen."Vielen Eltern, aber auch vielen Ärzten ist nicht bewusst, wie gefährlich Masern sein können", erklärte Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands (BVKJ), in Berlin. Die Kinderärzte rufen daher eindringlich zu Impfungen auf, um die Krankheit einzudämmen und Babys oder Erwachsene mit geschwächtem Immunsystem zu schützen. Viele Eltern wüssten nicht, dass die Masern tödliche Spätfolgen haben können. Hintergrund ist der Fall eines kleinen Jungen, der nach einer Maserninfektion nun an einer tödlichen Gehirnentzündung erkrankt ist.
Aufrüttelnde Motive Impfkampagne in Nordrhein-Westfalen
Übersicht Wichtige Impfungen für Kinder
Übersicht Wichtige Impfungen für Erwachsene
Der sechsjährige Junge aus der Nähe von Bielefeld hatte sich als Säugling im Alter von fünf Monaten mit dem Masernvirus angesteckt. Als Spätfolge entwickelte er nun die tödliche Gehirnentzündung mit dem Namen SSPE. Im vergangenen August war der Junge noch mit seinen Eltern in Kroatien im Urlaub. Schon im November konnte er nicht mehr laufen. Inzwischen ist er ins Wachkoma gefallen und wird mit Sicherheit an der Krankheit sterben. Wie viel Zeit ihm noch bleibt, ist unklar. Jeder, der an Masern erkrankt, kann diese Krankheit als Spätfolge entwickeln. Noch fünf bis sieben Jahre nach einer Masern-Infektion kann SSPE auftreten.
Die Impfempfehlungen sehen vor, dass Kinder etwa ab dem Alter von einem Jahr gegen Masern geimpft werden sollten. Da der Junge zum Zeitpunkt der Ansteckung noch ein Baby war, hätte er zwar gar nicht geimpft werden sollen. Doch die Ärzte empfehlen gerade aus diesem Grund dringend, dass alle Kinder geimpft werden sollten, um auch jüngere Geschwister zu schützen. Eine Praxisgebühr fällt bei Impfungen für Kinder nicht an.
Die neuesten Untersuchungen zu Todesfällen durch die Spätfolgen von Masern sind alarmierend: "In vielen Lehrbüchern wird die Häufigkeit von SSPE mit etwa einem bis fünf Fällen auf eine Million Masernerkrankungen angegeben", erklärte Benedikt Weißbrich von der Universität Würzburg. Tatsächlich seien aber allein vom Würzburger Institut für Virologie und Immunbiologie zwischen fünf und zehn Fälle pro Jahr diagnostiziert worden, insgesamt 120 Fälle seit 1988. "SSPE kommt möglicherweise deutlich häufiger vor, als bisher angenommen", warnte er. Ein Grund dafür könnte sein, dass SSPE bisher anders als Masern nicht an das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) gemeldet werden musste. SSPE verläuft immer tödlich, eine Therapie gibt es nicht. Zwischen Infektion und dem Ausbruch der ersten Symptome liegen mehrere Jahre.
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