04.11.2009, 19:05 Uhr | Stuart Pigott
Der Weinkenner Stuart Pigott stellt jeden Monat einen Wein vor. (Foto: Florian Bolk)Mein innerer Kompass zeigt zur Zeit auf die Fachhochschule für Weinbau in Geisenheim/Rheingau, wo ich zwischen Oktober 2008 und Juli 2009 als „Gasthörer“ studierte. Aufgrund dieser Sehnsucht geht es dieses Mal um die Wissenschaft des Weins. Eine der wichtigsten Lehren aus dieser Zeit lautet, dass es per se keine falsche Rebsorten gibt. Sondern nur Rebsorten am falschen Standort oder Rebsorten, die zwar an einem geeigneten Standort stehen, aber falsch bewirtschaftet werden. Der wichtige Punkt ist eigentlich der Umkehrschluss, nämlich dass es möglich sein muss, aus jeder Rebsorte einen guten Wein zu erzeugen, wenn sie an einem geeigneten Standort gepflanzt wird und die Reben dann von einem tüchtigen Winzer mit den richtigen Gedanken im Kopf bewirtschaftet werden.
Dennoch gibt es Rebsorten, die von der Mehrheit von Weinfreunden, Gastronomen, Sommeliers und Weinjournalisten als derart falsch eingestuft werden, dass der Winzer immensen Mut aufbringen muss, um diesen Umkehrschluss mit ihnen in die Tat umzusetzen. Solch ein Fall ist Morio Muskat, eine Neuzüchtung mit Muskatduft und tendenziell weicher Säure. Während der längst vergangenen Süße-Welle der 1970er-Jahre wurde in der Pfalz viel Morio gepflanzt, weil er frühreif und ertragsreich ist. Nach Zigmillionen Literflaschen kitschig-süßem, doof-schmeckendem Morio könnte die Sorte kaum einen schlechteren Ruf genießen.
Auch mich ließ hier die britische Sympathie für den Underdog im Stich! Dann schickte mir ein Pfälzer Jungwinzer namens Felix Waldkirch eine Probeflasche seines 2008 Morio Muskat Kabinett samt einem Brief, in dem er den Restsüßegehalt von 34,7 Gramm bekannt gab. Guter alter süßer Morio, oder? Mit großem Vorbehalt verkostete ich den Wein und war fassungslos über die schöne Traubigkeit und die feine Muskatnote, wie konzentriert und verspielt er sich im Geschmack präsentierte, wie lebhaft seine Säure wirkte, der Nachhall klar und lang war und das Ganze keinen Deut zu süß schmeckte. Das hat Waldkirch nicht weniger Arbeit im Weinberg als Mut gekostet, aber dafür hat er einen überzeugenden Beweis für den oben genannten Umkehrschluss erhalten und einen grandiosen Herbstwein erzeugt.
2008 Morio Muskat Kabinett
Preis pro Flasche 5,50 €
Weingut Felix Waldkirch
Weinstraße 53
76835 Rhodt unter Rietburg
Tel: 063 23 / 58 25
E-Mail: info@weingut-waldkirch.de
Internet: www.weingut-waldkirch.de
Homepage von Stuart Pigott www.stuart-pigott.de
Januar 2009 2007er „Ó“ Camparrón Selección
Februar 2009 2007er FLINT
März 2009 2008 Müller-Thurgau Federstahl
April 2009 2008er Weißburgunder trocken
Mai 2009 2007er Silvaner trocken
Juni 2009 2007er "Chill Out"
Juli 2009 2008 Silvaner
August 2009 2008 Riesling trocken
September 2009 2008 Vom Rotliegenden Riesling
Oktober 2009 Portugieser vom Weingut Teschke
Stuart Pigott zählt zu den weltweit bedeutendsten Weinkennern und -kritikern. Er hat eine eigene Kolumne in der in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und ist Autor zahlreicher Weinbücher. Gemeinsam mit Hugh Johnson gab er den Atlas der deutschen Weine heraus. Im Scherz Verlag veröffentlichte er die Bücher Planet Wein und Pigotts Wilder Wein sowie im Fischer Taschenbuch Verlag Schöne neue Weinwelt und Wein spricht deutsch. Pigott wurde 1960 in London geboren und lebt seit 1993 in Berlin.
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Stuart Pigott
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