16.06.2008, 09:32 Uhr | ug, dpa
Sexuelle Lust braucht Tabus. (Foto: Archiv)Wie reizvoll war es doch, heimliche Küsse auszutauschen, sich vor der Eheschließung zu lieben oder Verbotenes auszuprobieren. Denn was tabu ist, reizt am meisten. Nirgends gilt das so offenkundig wie beim Sex. Das Problem: Die kontinuierliche Enttabuisierung von Sex, seine Allgegenwart in der Werbung, im Fernsehen, in der Presse und in der Literatur hat nicht dazu geführt, dass mehr Sex praktiziert wird. Im Gegenteil: Den Menschen vergeht die Lust darauf offensichtlich mehr und mehr. Das zeigen aktuelle Studien und Expertenbefunde. Demnach nimmt die sexuelle Aktivität der Deutschen seit den 1980er und 1990er Jahren stetig ab. #
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Eine Studie der Universität Göttingen, für die 13.483 Männer und Frauen in festen Beziehungen befragt wurden, ergab, dass 17 Prozent während des Untersuchungszeitraums von vier Wochen überhaupt keinen Geschlechtsverkehr hatten. 57 Prozent, also die Mehrheit der Paare, gab an, im fraglichen Monat einmal mit dem Partner verkehrt zu haben. Nur rund jeder Vierte tat dies regelmäßig ein- bis zweimal pro Woche, hält der Bericht fest, über den es auf der Titelseite heißt "Keine Lust auf Sex? Warum die Liebe Tabus braucht". (So sorgen Sie für Abwechslung im Bett)
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Singles haben noch seltener Sex. Eine Untersuchung des Sexualwissenschaftlers Gunter Schmidt an knapp 800 Hamburgern und Leipzigern ergab, dass 60 Jahre alte Partner im Durchschnitt sexuell aktiver sind als 30 Jahre alte Singles.
"In dem Maß, wie die traditionelle Sexualmoral mit ihren Verboten, Sanktionen und Schuldgefühlen verschwand, machte sich scheinbar Langeweile breit", so Forscher Peter Fiedler, der klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg lehrt. "Offensichtlich besaßen gerade die unerfüllten, oft verbotenen oder tabuisierten sexuellen Wünsche und Bedürfnisse eine große Triebkraft", schreibt er in "Gehirn & Geist".
Die früher nur heimlich mögliche Sexualität hatte nach Fiedlers Deutung einen erheblichen Vorteil: Sie trug zur wechselseitigen Anziehung der Geschlechter bei und war auch ein Kernelement jeder guten schöngeistigen Literatur. Es sehe fast so aus, als seien gerade Tabus eine notwendige Voraussetzung für eine "Kultur der Lüste". Heute hingegen scheine in Sachen Sex fast alles möglich. "Die öffentlichen, teils banalen Dauerdarstellungen von und über Sexualität in den Medien tragen ihr Übriges dazu bei, dass ein wichtiges Element sexueller Lust und Begierde verloren geht."
Das Editorial des Magazins veranschaulicht das unter der Überschrift "Überall Sex - Sex über alles" mit alltäglichen morgendlichen Eindrücken in der Rushhour: "Hinter den plumpen Domina-Plakaten einer regionalen Erotikmesse grüßt von einer Hauswand eine überdimensionale Bierflasche, an deren Kurven sich ein Nacktmodel lasziv schmiegt. An der Bushaltestelle prangt in fetten Lettern der Slogan einer Boulevardzeitung: "Nein, ich bin nicht gekommen". Untertitel: "Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht."
Schon vor der Jahrhundertwende waren negative Auswirkungen der Allgegenwart des Themas Sex in der Öffentlichkeit deutlich absehbar. So heißt es zum Beispiel in einem Buch des Soziologie-Professors Reimer Gronemeyer mit dem Titel "Die neue Lust an der Askese" (Berlin 1998) im Kapitel über den öffentlichen Sex: "In der Treibhausschwüle des sexualisierten Alltags scheint die erotische Phantasie nicht mehr Tat werden zu können. Der öffentliche Sex tötet den privaten Eros". Die starken Gefühle stürben und die leidenschaftlichen Sehnsüchte verdämmerten, heißt es da auch. Man wolle nur noch wissen: Wer schlief mit wem.
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