
29.11.2009, 09:22 Uhr | Bettina Musall
Ein gemeinsames Bett verbessert den Schlaf von Paaren nicht. (Foto: Archiv)Er schnarcht, sie leidet, dennoch behaupten Paare, besser zu zweit zu schlafen - allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz. In Brokdorf und Gorleben rücken die Atomkraftgegner aus, Nena lässt "99 Luftballons" steigen, und Bayern München wird wieder mal Deutscher Meister, als Lucy und Jürgen Anfang der achtziger Jahre in der Nähe von Stuttgart ihr erstes Doppelbett aufschlagen. Das hölzerne Modell eines schwedischen Möbelherstellers misst kuschelige 140 Zentimeter. Sie beziehen es mit glänzenden Satinlaken, so lila wie Lucys Schlummer-T-Shirt, und Jürgen lässt vor dem Zubettgehen seine schmale Lederkrawatte einfach auf den Boden fallen - man lebt in wilder Ehe.
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Knapp 30 Jahre, ein Eigenheim, ein paar Seitensprünge und zwei Kinder später steht das einstige Lotterlager als Gästebett im Keller. Oben, im Elternschlafzimmer, schläft Lucy trotz schicker Kingsize-Matratze seit Jahren nur noch in kurzen Intervallen. Das liegt teils an den Kindern, die mit acht und zehn Jahren noch immer mit ins Ehebett wollen, aber vor allem an Jürgens durchdringenden Schnarchgeräuschen, die manchmal nur von beunruhigenden Atemaussetzern unterbrochen werden. Die Ehe ist längst nicht mehr wild, sondern überwiegend sprachlos. Manchmal träumt Lucy von Trennung. Aber getrennte Betten? "Das geht nicht", sagt die Schwäbin, "schon wegen der Kinder. Und was wäre dann von unserer Gemeinsamkeit noch übrig?" Gute Frage. Was wie ein Grenzfall ehelicher Leidensfähigkeit klingt, ist tatsächlich eine ganz normale deutsche Doppelbettgeschichte, eine unter vielen.
Egal, wie beschädigt die Institution Ehe oder eine individuelle Beziehung auch sein mögen: Die gemeinsame Liegestatt als Ausdruck der Verbundenheit hält sich allen wissenschaftlichen Erkenntnissen über gesunden Schlaf und allen Ratgebern für eine lebendige Zweisamkeit zum Trotz. Rund die Hälfte aller Paarschläfer behauptet, zu zweit besser zu schlafen - eine Überzeugung, der die Wissenschaft widerspricht. Forscher im Schlaflabor der Universität Wien beobachteten, dass Loriots Diktum, wonach Männer und Frauen einfach nicht zusammenpassen, auch im Dämmerzustand gilt: "Frauen und Männer ticken unterschiedlich", heißt es in der unterhaltsam aufgearbeiteten Untersuchung, die unter dem Titel "Aufgedeckt" nun als Taschenbuch erscheint.
Die Wiener Somnologen haben es sich "auf der Suche nach der verschlafenen Zeit" nicht leicht gemacht. Mediziner, Biologen, Psychologen, Verhaltensforscher und Sozialwissenschaftler analysieren, wie sich das Schlafen zu zweit "auf die Schlafqualität, auf das allgemeine Wohlbefinden und die Qualität der jeweiligen Paarbeziehung" auswirkt. Die Ergebnisse dieser Grundlagenforschung verbinden die Autoren mit kulturhistorischen Anekdoten über die Schlafsitten.
Sich paarweise zurückzuziehen darf getrost als vergleichsweise hausbackene Variante nächtlicher Ruhe gelten. Während etwa in Afrika und Asien Teile der Bevölkerung bis heute Schutz und Wärme im Gruppenschlaf suchen, reduzierte sich das Treiben in den Boudoirs und Kammern westlicher Gesellschaften mit den bürgerlichen und religiösen Moralvorstellungen des 17. Jahrhunderts auf paarweise Zusammenkünfte - mit dem Zugeständnis, dass es in den Dunkelkammern der Zweisamkeit auch sexuell werden darf. Die früh aufgeklärten Franzosen trugen daher gern ein Leinennachthemd, die "chemise cagoule", mit dem sogenannten Bereitschaftsschlitz auf Geschlechtshöhe; im Blüteland des Puritanismus, Amerika, galt es mancherorts dagegen selbst für vollbekleidete Eheleute als strafbares Vergehen, sich mit dem anderen Geschlecht zu betten, es sei denn zum Zwecke der Fortpflanzung.
Wer es sich leisten konnte, richtete in herrschaftlichen Domizilen separate Salons für die Dame und den Herrn des Hauses her - ein Luxus, den Paarforscher propagieren. Zuweilen erlebten die Bewohner gemeinsamer Schlafräume "Stunden der Wollust", räumte Anfang des 20. Jahrhunderts die feministische Sexualforscherin Marie C. Stopes ein. Dafür müssten sie aber auch den "unschönen, oft lächerlichen Vorgängen der Toilette beiwohnen". Damit waren zwar primär die Rituale der Körperpflege gemeint. Dennoch befürchtete die Wissenschaftlerin "die für eine Ehe schicksalsschwere Folge, dass die Kraft der Begierde" abnehmen könnte, wovor allerdings kein noch so großzügiger Sicherheitsabstand schützt.
Doch der Balanceakt im Doppelbett beginnt lange vor dem Sex. Sie will noch lesen, er lieber Fußball gucken. Er schläft trotz Eisblumen bei offenem Fenster, sie fröstelt unterm Gänsedaunen-Plumeau. Eine Decke, oder zwei? Latex, Kaltschaum, Federkern? Das Zusammenziehen, die Geburt von Kindern, das Älterwerden - ein Zusammenleben lang lauern Einflüsse, die das traute Beieinanderschlummern beeinträchtigen können. Was den Paarschlaf, abgesehen von unterschiedlichen Gewohnheiten, so nervenaufreibend macht, sind nach einhelligem Ergebnis verschiedener Studien auch genetisch bedingte Schlafdifferenzen zwischen den Geschlechtern.
Im Alter verschärfen sich die geschlechterspezifischen Schlafmuster
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Quelle: Spiegel Online
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