
29.11.2009, 09:22 Uhr | Bettina Musall
Frauen brauchen etwas mehr Schlaf als Männer, gehen früher zu Bett, frieren dort öfter und würden gern länger in den Morgen hinein dösen, obwohl sie tendenziell zu den Lerchen, den Frühaufstehern, gehören. Männer halten ihre Körpertemperatur länger konstant, weshalb sie sich, so die Wiener Experten, "gut als Wärmekissen" eignen. Sie entsprechen eher dem Typus Eule, sind also Abendmenschen, schnarchen häufiger und schlafen besser durch. Dass ihre Frauen nachts aufwachen oder stundenlang wach liegen, bemerken die meisten Herren erst gar nicht und schlafen einfach weiter. Hormonschübe, mal bei ihm, mal bei ihr, sorgen für unterschiedlich gelagerte Leicht- und Tiefschlafzeiten, was Frauen sowieso mehr zu schaffen macht.
Kein Wunder, dass die Männer bestätigen, mit ihrer Partnerin ruhiger als ohne sie zu schlafen. Frauen geben hingegen an, öfter wegen des Partners aufzuschrecken, sei es, weil der Geräuschpegel ihres Nachbarn die Lärmgrenze überschreitet, sei es, weil die ungleiche Gewichtsverteilung auf der Matratze die Damen bei jedem männlichen Dreher, von denen es nachts bis zu 30 gibt, wie auf einem Trampolin aus dem Gleichgewicht bringt.
Dass Frauen in Gesellschaft schlecht zur Ruhe kommen, schreiben Forscher auch dem immer noch unterschiedlichen Aufgabenmuster der Geschlechter zu. Mütter, die in der Familie überwiegend dafür zuständig sind, Kleinkinder zu beglucken, Alte und Kranke zu pflegen und sich um Teenager zu sorgen, die nicht nach Hause kommen, koordinierten "gleichsam wie Fluglotsen" auch des Nachts die Familienmitglieder, um Konflikte und Zusammenstöße zu vermeiden. "An ein Abschalten und Entspannen ist dabei nicht zu denken."
Im Alter verschärfen sich die geschlechtsspezifischen Schlafmuster. Frauen leiden am Syndrom der ruhelosen Beine, bei Männern flacht der Tiefschlaf ab. Wer tags zu viele Nickerchen einlegt, kann weder ein- noch durchschlafen. Und abgesehen davon, dass die meisten Männer mit ihren Körperdüften verblüffend eins sind, muss man sich schon sehr gut riechen können, wenn der Hauch Chanel No. 5, den schon Marilyn Monroe zum Träumen trug, unter Flanellnachthemd und Wollsocken verschwindet. Fast hundert Arten von Schlafstörung werden unterschieden - wie soll es da erholsam sein, wenn zwei ihre Probleme zusammenlegen?
Trotz aller Widrigkeiten sind es überwiegend weibliche Paarschläfer, die im Bett ungern auf Nähe, Sicherheit und Geborgenheit zu zweit verzichten. "Ohne meinen Mann konnte ich nicht einschlafen, das war mein ganzes Leben lang so", berichtete eine 69-jährige Münchnerin dem amerikanischen Schlafforscher Paul C. Rosenblatt, der 42 Paare zu ihren Bettritualen befragt hat. Das Ergebnis: Beim Schlafen zu zweit geht es um mehr als Schlaf und Sex. Es gehe, so Rosenblatt, "um die Erneuerung und die Erhaltung der Beziehung".
Was die Partner erlebt haben, was geplant ist, was erfreulich und was den anderen bedrückt - oft erfahren zwei Leute, die zusammenleben, nur im Bett, was beide bewegt. Der durchschnittliche Fernsehkonsum liegt in Deutschland bei dreieinhalb Stunden pro Tag. Nach den Statistiken der Paartherapeuten spricht ein Durchschnittspaar rund acht Minuten pro Tag miteinander. Da ist es durchaus sinnvoll, wenigstens die Nacht miteinander zu verbringen. Unabhängig von allen Forschungsergebnissen haftet getrennten Schlafzimmern in der Doppelbett-Gesellschaft der Geruch vom Ende der Liebe, von Trennung an. Manche Leute genieren sich, was die eigenen Kinder denken könnten, andere befürchten, der Partner wolle sich nicht nur im Bett, sondern auch emotional entfernen.
Fest steht: Nach der Phase blinden Verliebtseins, in der die wenigsten Wert auf eine ungestörte Nachtruhe legen, fällt vielen auf, dass sie dringend mal wieder durchschlafen müssen. Dann beginnt der Konsolidierungsprozess im Schlafzimmer. Der läuft, so beobachten Forscher, meistens nonverbal ab, was über Jahre zu Missverständnissen und unbewusst zu Aggressionen führen kann. "Mit einem unbestimmten Gefühl von Wut und Ärger aufzuwachen", so der Wiener Schlafpsychologe Gerhard Klösch, könne auch damit zusammenhängen, dass der Bettnachbar wieder mal die Nacht durchgesägt hat.
Die Frage, ob jeder wirklich optimal schläft, sollte unbedingt rechtzeitig, gemeinsam und mit Verständnis füreinander geklärt werden, anstatt zu warten, bis einer Ringe unter den Augen hat. Wer sich nach 15 Jahren dabei ertappt, der nächsten Dienstreise entgegenzufiebern, um endlich mal wieder herrlich entspannt auspennen zu können, sollte möglichst bald das Gespräch mit dem Partner suchen - oder einen Therapeuten, der etwas tiefer nach den Ursachen für so ein masochistisches Leiden bohrt. Anders liegt der Fall bei der Münchner Doppelschläferin. Seit ihr Mann gestorben ist, teilt sie die 140 Zentimeter mit seinen zwei Stoffbären. Die Witwe genießt, dass sie sich ausstrecken kann. "Aber wenn mein Mann wieder neben mir liegen könnte, würde ich auf dieses Privileg sofort verzichten."
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Quelle: Spiegel Online
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