
24.10.2009, 10:02 Uhr | Von Markus Becker und Heike Le Ker
Gibt es nun Hoffnung auf Heilung für Neurodermitis-Patienten?Hat die Pharmaindustrie wirklich jahrzehntelang den Verkauf einer Salbe verhindert, die Millionen Neurodermitis-Opfern helfen könnte? Ein TV-Beitrag des WDR hat den vermeintlichen Skandal angeprangert. Doch zum Sendetermin war die Vermarktung der Salbe längst angelaufen. War alles nur ein PR-Coup?
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Es klang alles so perfekt: Die profitgierige Pharmaindustrie verhindert über Jahrzehnte die Vermarktung eines neuen Mittels gegen die Volksgeißel Neurodermitis. Eine kritische TV-Reportage greift den Fall auf, die Republik ist empört, und nur zwei Tage später erklärt sich eine Pharmafirma bereit, die Salbe zu vertreiben.
Die Geschichte hat nur einen Haken: Sie stimmt so nicht. Unmittelbar nach Ausstrahlung des WDR-Beitrags "Heilung unerwünscht" am 19. Oktober wurden Zweifel an der Salbe namens "Regividerm" laut. Studien zur Wirksamkeit basierten auf einer äußerst dünnen Datenlage, hieß es. Auch dass das Medizinprodukt nicht nur gegen Neurodermitis, sondern auch gegen Schuppenflechte wirken sollte, zweifelten Fachleute an.
Jetzt geraten weitere Details ans Tageslicht, die den Verdacht nähren, dass es sich hier eher um einen PR-Coup als um ein modernes Märchen aus dem Pharmaland handelt. In dem WDR-Beitrag war davon die Rede, Arzneimittelkonzerne unterdrückten seit Jahrzehnten die Produktion und Vermarktung der Neurodermitis-Salbe namens "Regividerm". Der Grund sei Profitgier: Die Konzerne wollten demnach ihre eigenen, wesentlich teureren Medikamente protegieren. Nur zwei Tage später berichteten dann zahlreiche deutsche Medien - auch SPIEGEL ONLINE -, dass sich das schweizerische Unternehmen Mavena Health Care AG "Regividerm" aufgrund des Films entschlossen habe, die Salbe auf den Markt zu bringen.
Auch Klaus Martens, der Autor des Films, und die ARD erweckten den Eindruck, der vermeintliche Blitzdurchbruch sei auf den TV-Beitrag zurückzuführen. "Nach Ausstrahlung von 'Heilung unerwünscht' ergibt sich folgende Situation", hieß es noch am Freitag in einem Beitrag Martens' auf der Website der ARD: "Der Eigentümer der Patentrechte versucht jetzt, mit Hilfe eines Geschäftspartners, den er bereits gefunden hat, die B12-Creme unter der Bezeichnung 'Regividerm' in eigener Regie auf den Markt zu bringen."
Wahr ist: Die Herstellerfirma Regeneratio Pharma GmbH mit Sitz in Remscheid und die Mavena AG waren sich bereits im September handelseinig - und nicht erst nach Ausstrahlung des Films, wie Mavena-Verwaltungsrat Hans-Joachim Zeisel auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE einräumte.
Zuvor waren bereits erste Zweifel laut geworden, ob es tatsächlich so schnell gegangen sein könnte. So war "Regividerm" keine zwei Tage nach Ausstrahlung des WDR-Films bereits komplett mit Verpackung auf der Website der Mavena AG zu bestaunen. Am 15. Oktober war das Medizinprodukt unter der Pharmazentralnummer 5523487 in den Datenbanken der deutschen Apotheken verfügbar. Nach derzeitigem Stand soll die Salbe ab Mitte November lieferbar sein.
Das Timing ist in der Tat verblüffend: Der WDR-Beitrag wird am 19. Oktober gesendet, das darin gelobte Mittel kommt Mitte November auf den Markt. Zudem hat Martens ein Buch mit dem Titel "Heilung unerwünscht" geschrieben, inklusive des Rezepts für die Salbe. Verkaufsstart: 11. November. Zwischenzeitlich lag das Buch auf Platz zwei der Verkaufsrangliste beim Internet-Buchhändler Amazon.
Alles Zufall? Martens sagt: ja. Über den Zeitpunkt des Produktionsbeginns von "Regividerm" sei er nicht informiert gewesen. Und sein Film habe vor der Ausstrahlung wochenlang beim WDR gelegen. "Der Film war längst fertig gestellt und wartete auf einen Sendeplatz", erklärte Martens gegenüber SPIEGEL ONLINE. WDR-Sprecherin Annette Metzinger antwortete auf Anfrage, in dem Film sei die Rede von Verhandlungen über Produktion und Vertrieb der Salbe gewesen. "Vom Abschluss dieser Bemühungen und den Produktionsbeginn hatte der Autor keine Kenntnis", so Metzinger. Offen bleibt, warum die WDR-Redaktion vor der Ausstrahlung offenbar nicht geprüft hat, ob der Beitrag noch aktuell ist.
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Quelle: Spiegel Online
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