11.07.2008, 15:13 Uhr | afp, dpa
Modebranche unterzeichnet Regierungs-Charta gegen Schlankheitswahn. (Foto: rtr)Die Zahlen sind alarmierend: Jede zehnte Kranke, die von Magersucht betroffen ist, stirbt. Nun reagiert die deutsche Textil- und Modebranche und zeigt Verantwortung: Vertreter des Modeverbands GermanFashion, des Deutschen Mode Instituts, des Verbands lizenzierter Modellagenturen und des Modemessen-Veranstalters Igedo unterzeichneten in Berlin gemeinsam mit Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) eine entsprechende Charta. Darin verpflichtet die Branche sich selbst, das "oft vermittelte gesundheitsschädigende Körperbild" zu korrigieren und dazu unter anderem auf extrem magere Models auf Laufstegen und in Modekatalogen zu verzichten.
Richtwert für Modenschauen und Fotoshootings solle künftig ein Body-Mass-Index von mindestens 18,5 und ein Mindestalter von 16 Jahren sein. Mit ihrer Unterstützung der Initiative der Bundesregierung "Leben hat Gewicht - gemeinsam gegen den Schlankheitswahn" wolle die Textil- und Modebranche einen "Prozess des Umdenkens bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in Bezug auf geltende Schönheitsideale" in Gang setzen, heißt es in der Charta. Insbesondere bei Mädchen und Frauen wollen sich die Unterzeichner "offen gegen krankhafte (Vor-)Bilder extremer Magerkeit" stellen und bei allen Aktivitäten eine Vielfalt von Körperbildern fördern.
Schmidt begrüßte die Charta als einen "Meilenstein" und "ein deutliches Signal gegen ein unnatürliches Körperbild". Viele Menschen litten unter dem Gefühl, nicht dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen. So sagten mehr als die Hälfte der Jugendlichen in Deutschland von sich, sie wären gern dünner. Wenn Dünnsein aber zur Maxime werde, sei das gefährlich und trage oft zu krankhaften Essstörungen bei. Allein 1,4 Millionen Kinder und Jugendliche im Alter zwischen elf und 17 Jahren wiesen derartige Symptome auf, Mädchen doppelt so häufig wie Jungen.
Schockfotos Eine Modemarke gegen Magersucht
Igedo erklärte, die Charta sei ein "klares Zeichen", mit dem sich die Branche "zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung in einem internationalen Geschäft" bekenne. Für den Modelagenturverband VELMA ist sie Verpflichtung, "zukünftig noch stärker darauf zu achten, dass ein durch Essstörungen erzeugtes krankhaftes Aussehen kein Ideal sein kann". Hier sei auch die Unterstützung der Medien gefragt. GermanFashion erklärte, man wolle "keine falschen Leitbilder, die suggerieren, übertriebene Schlankheit sei schön und erstrebenswert". Das Deutsche Mode Institut vermittelt nach eigenen Angaben gerade in jüngster Zeit "ein zeitgeistig - offenkundig überaus selbstbewusstes Frauenbild, welches die sich wandelnde Formensprache des eigenen Körpers zunehmend akzeptiert".
Rund 600 000 Menschen zwischen 15 und 35 Jahren sind in Deutschland nach Angaben Schmidts an Magersucht oder Bulimie erkrankt. Rund 22 Prozent der 11- bis 17-Jährigen zeigen nach einer Untersuchung des Robert Koch-Instituts Symptome einer Essstörung. Bei Mädchen mit 17 Jahren steigt der Anteil auf 30 Prozent an. Bei Magersucht sind neun von zehn Betroffenen weiblich. Jede zehnte Kranke stirbt daran.
Vertreter der Modebranche hatten zuletzt allerdings betont, dass extrem magere Models in Deutschland kein Thema seien. Die eher weiten Größen 40/42 würden am besten verkauft. An einer Sensibilisierung der Öffentlichkeit wolle man sich dennoch beteiligen. Gefordert seien aber eher Medien und Werbung. Der Zentralverband der Deutschen Werbewirtschaft hatte der Bundesregierung jedoch wegen ihres Vorstoßes populistische Verlogenheit vorgeworfen und eine Beteiligung abgelehnt.
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