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Magersucht: Kodex gegen Schlankheitswahn geplant

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Kodex gegen den Schlankheitswahn geplant

12.02.2008, 08:41 Uhr | afp, dpa / ug, bri

Magermodels ade? Vertreter der Modebranche wollen am Kodex gegen Schlankheitswahn mitarbeiten. (Foto: dpa)Magermodels ade? Vertreter der Modebranche wollen am Kodex gegen Schlankheitswahn mitarbeiten. (Foto: dpa)Kampf gegen den Magerwahn in der Modebranche: Auf der Düsseldorfer Modemesse Igedo Fashion Fairs sprach Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) dazu mit Branchenvertretern. Das Ziel: In den nächsten Monaten soll ein nationaler Kodex gegen den Schlankheitswahn in der Modeindustrie erarbeitet werden. Die Modebranche soll sich selbst verpflichten, extrem magere Models auf Laufstegen zu verbieten. Der Veranstalter, die Igedo Company, sagte der Bundesregierung Unterstützung für die Initiative "Leben hat Gewicht - gemeinsam gegen den Schlankheitswahn" zu.


Schockfotos Eine Modemarke gegen Magersucht

Falsche Vorbilder verbannen

"Besonders Mädchen und junge Frauen orientieren sich stark an Vorbildern. Das Gefühl, nicht dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen, schwächt oft das Selbstwertgefühl junger Menschen", sagte die Ministerin. Schmidt erinnerte daran, dass die Initiative schwerwiegenden Essstörungen wie Bulimie und Magersucht vorbeugen wolle. "Wir müssen die Vorbilder ändern und ein realistisches Maß finden." Der Austausch mit der Modebranche soll in den kommenden Monaten verstärkt werden "mit dem Ziel, konkrete Vereinbarungen zu treffen".

Modebranche: Kreativität darf nicht leiden

Igedo-Geschäftsführer Frank Hartmann verwies darauf, dass für die Igedo Company bei der Buchung ihrer Models stets deren Gesundheit im Vordergrund gestanden habe. Solche "Insellösungen" müssten aber mittelfristig durch "objektivierbare Ansätze" abgelöst werden. "Deshalb unterstützen wir sehr gerne die Initiative der Bundesregierung, einen nationalen Kodex mit klar definierten Richtlinien auf die Beine zu stellen." Eine solche Vereinbarung dürfe einerseits nicht die Kreativität der deutschen Modeindustrie beschneiden und müsse gleichzeitig "der sozialen Verantwortung unserer Branche gerecht werden", betonte Hartmann. Die Igedo Company sei bereit, ihr Know-how und ihre Kontakte zur Modeindustrie zur Verfügung zu stellen und an einem Konsens mitzuarbeiten.

Prominente Unterstützung

Schmidt hatte die Initiative "Leben hat Gewicht" im Dezember 2007 gemeinsam mit Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen und Bundesbildungsministerin Annette Schavan (beide CDU) in Berlin vorgestellt. Ziel ist ein Schulterschluss gesellschaftlicher Gruppen, um unter anderem das oftmals durch Modeindustrie, Werbung und Medien vermittelte Schönheitsideal zu hinterfragen. Prominente Unterstützer der Kampagne sind unter anderen die Sängerin Janette Biedermann und Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer.

Fett sein als Beleidigung

Erst kürzlich hatte die Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling sich Sorgen um den Schlankheitswahn unter jungen Mädchen gemacht. In einem Beitrag für die Zeitschrift Alles für die Frau schreibt Rowling: "Ist fett wirklich das Schlimmste, was ein Mensch sein kann? Ist fett schlimmer als rachsüchtig, neidisch, oberflächlich, eitel, langweilig oder boshaft?" Und weiter: "Fett ist meist die erste Beleidigung, die ein Mädchen einem anderen an den Kopf wirft, wenn es ihm weh tun möchte", schreibt die Autorin und berichtet von ihren eigenen Erfahrungen als Schülerin und als Lehrerin. Rowling sorgt sich auch um ihre Töchter und will nicht, dass diese zu "holköpfigen, nur mit sich selbst beschäftigten, ausgemergelten Klonen werden." Gesundheitsministerin Ulla Schmidt begrüßt Rowlings Beitrag gegen Essstörungen: "Ihr Wort hat vor allem bei jungen Leuten großes Gewicht".

Die Hälfte der Mädchen fühlt sich zu dick

In einer Umfrage der Max-Planck-Gesellschaft bei 9- bis 13-jährigen bejahten 49 Prozent der Mädchen und 36 Prozent der Jungen die Frage: "Wolltest du jemals dünner sein?" Bis zu 15 Prozent der Betroffenen im Erwachsenenalter sterben an den Auswirkungen, warnt die Deutsche Gesellschaft für Essstörungen (DGESS). Deren Vorsitzender Professor Dr. Manfred Fichter sagt, dass die meisten Betroffenen an den Folgen der Mangelernährung sterben und viele sich umbringen. Nur rund die Hälfte der Patienten kann wieder ganz geheilt werden. "Essstörungen werden oft belächelt, aber es ist wichtig, dass sie ernst genommen werden", sagt der Mediziner.

Sechs Prozent aller jungen Frauen sind essgestört

Nach Schätzungen der Gesellschaft leiden in Deutschland rund sechs Prozent aller Frauen zwischen 15 und 35 Jahren an Magersucht oder einer anderen Essstörung wie etwa Bulimie (Ess-Brech-Sucht). Bei Männern sind Essstörungen seltener: Auf zehn Frauen kommt durchschnittlich ein Mann. Auch die Therapie der Krankheit sei bei Männern einfacher. "Männer wollen Muskeln haben und bei der Magersucht schmelzen irgendwann auch die weg. Und dann sind Männer leichter zu motivieren, wieder etwas zu essen", sagt Fichter.

Minderwertigkeitskomplex ist einer der Auslöser

Als Ursache für Essstörungen gelten unter anderem äußere Belastungen wie Stress und starke Selbstwertprobleme. Hinzu kommen oft Depressionen. "Der Patient denkt dann nur noch an Essen, Nahrung, Gewicht, Figur", beschreibt Fichter. Die Therapie von Essstörungen sei sehr schwer. Medikamente würden bei den Kernsymptomen der Magersucht überhaupt nicht helfen. Auch sind viele medizinische Einrichtungen nach seiner Einschätzung noch nicht gut genug für eine derartige Therapie gerüstet. Hier müsse noch mehr geforscht und besser informiert werden.

Mehr zum Thema Gesundheit:
Chronik Was seit dem Tod des ersten Magermodels geschah



afp, dpa / ug, bri  

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