13.12.2007, 09:48 Uhr | dpa / bri
Vor allem Mädchen leiden unter Essstörungen. (Foto: dpa)Wenn es nach dem Willen von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt geht, sollen extrem dünne Models aus Werbung und Modenschauen verbannt werden. Politiker und Prominente fordern die Mode- und Werbeindustrie dazu auf, keine dünnen Frauen mehr zu zeigen. Zudem sollen Aufklärung und Forschung zum Thema Essstörungen stark ausgebaut werden, hieß es bei der Vorstellung der Kampagne "Leben hat Gewicht". Nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts in Berlin weist jeder fünfte der 11- bis 17-jährigen Jugendlichen Symptome einer Essstörung auf. Betroffen sind zu 90 Prozent Mädchen.
Schockfotos Eine Modemarke gegen Magersucht
"Magermodels gehören weder auf den Laufsteg noch in die Werbung", sagte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Gemeinsam mit Familienministerin Ursula von der Leyen und Bildungsministerin Annette Schavan stellten sie die Kampagne "Leben hat Gewicht - gemeinsam gegen den Schlankheitswahn" vor. Mit von der Partie sind auch prominente Unterstützer wie die Sängerin Janette Biedermann und Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer.
"Dürrsein darf nicht länger als schick gelten, sondern muss ein Schock sein", verlangt Alice Schwarzer, die die Initiative angestoßen hatte. Designerin Jette Joop nannte eine Selbstverpflichtung ihrer Branche "eine gute Idee". Auch Gesundheitsatteste für Models könnten ein Schritt sein. Die frauenpolitische Fraktionssprecherin der Grünen, Irmingard Schewe-Gerigk, forderte, Taten folgen zu lassen. "Das darf keine Eintagsfliege sein", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur dpa.
"Magersucht ist überwiegend weiblich, und sie ist sehr jung", sagte von der Leyen. Neun von zehn Betroffenen seien weiblich, jede zehnte Kranke sterbe daran. Bereits Familie und Kindertagesstätte müssten auf natürliche Ernährung abzielen. "Essen ist nicht Belohnung, ist nicht Bestrafung", mahnte die Ministerin. Internetforen, in denen falsche Schlankheitsideale gefeiert würden, müssten vom Betreiber freiwillig geschlossen werden. Verbote müssten durchgesetzt werden, wenn Nutzer gefährdet seien. Schwarzer rief dazu auf, Essstörungen endlich als zentrale "Massenpsychose der westlichen Welt" und vorherrschende Sucht bei Frauen in den Blick zu nehmen. Länder wie Großbritannien, Spanien oder Italien seien weiter. Teil der deutschen Kampagne sollen unter anderem auch mit Millionensummen geförderte Modellprojekte hin zu verbesserten Therapien sein.
In einer Umfrage der Max-Planck-Gesellschaft bei 9- bis 13-jährigen bejahten 49 Prozent der Mädchen und 36 Prozent der Jungen die Frage: "Wolltest du jemals dünner sein?" Bis zu 15 Prozent der Betroffenen im Erwachsenenalter sterben an den Auswirkungen, warnt die Deutsche Gesellschaft für Essstörungen (DGESS). Wie deren Vorsitzender Manfred Fichter bei einer Fachtagung im November erklärte, sterben die meisten an den direkten Folgen der Mangelernährung, aber auch die Zahl der Selbstmorde sei hoch. Nur rund die Hälfte der Patienten könne wieder ganz geheilt werden. "Essstörungen werden oft belächelt, aber es ist wichtig, dass sie ernst genommen werden", sagte der Mediziner.
Nach Schätzungen der Gesellschaft leiden in Deutschland rund sechs Prozent aller Frauen zwischen 15 und 35 Jahren an Magersucht oder einer anderen Essstörung wie etwa Bulimie (Ess-Brech-Sucht). Bei Männern sind Essstörungen seltener: Auf zehn Frauen kommt durchschnittlich ein Mann. Auch die Therapie der Krankheit sei bei Männern einfacher. "Männer wollen Muskeln haben und bei der Magersucht schmelzen irgendwann auch die weg. Und dann sind Männer leichter zu motivieren, wieder etwas zu essen", so Fichter, Chefarzt der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee.
Als Ursache für Essstörungen gelten unter anderem äußere Belastungen wie Stress und starke Selbstwertprobleme. Hinzu kommen oft Depressionen. "Der Patient denkt dann nur noch an Essen, Nahrung, Gewicht, Figur", beschreibt Fichter. Die Therapie von Essstörungen sei nicht einfach. Medikamente würden bei den Kernsymptomen der Magersucht überhaupt nicht helfen. Auch sind viele medizinische Einrichtungen nach seiner Einschätzung noch nicht gut genug für eine derartige Therapie gerüstet. Hier müsse noch mehr geforscht und besser informiert werden.
Nach dem Hungertod mehrerer Models im vergangenem Jahr, hatte Italien als eines der ersten Länder versucht, etwas gegen den Magerwahn auf den Laufstegen zu unternehmen. Regierung, Modeverbände und die Veranstalter von Modenschauen haben sich auf ein Grundsatzprogramm gegen Magersucht geeinigt: Es verbietet unter anderem die Teilnahme von Models unter 16 Jahren an den italienischen Modeschauen und verlangt von allen Teilnehmerinnen ein ärztliches Attest, dass sie unter keiner Essstörung leiden. Damit will man verhindern, dass extrem dünne Models jungen Mädchen als Vorbild dienen.
Der Sprecher des Zentralverbandes der Deutschen Werbewirtschaft und des Deutschen Werberates, Volker Nickel, warf der Bundesregierung im Saarländischen Rundfunk "populistische Verlogenheit" vor: "Der Werbung wird mal wieder alles in die Schuhe geschoben." Die Düsseldorfer Modemesse-Gesellschaft Igedo Company signalisierte hingegen Unterstützung. "Die Mode, die wir auf den Laufstegen präsentieren, ist für Durchschnittsfrauen und Männer, die sich nicht nur von Gurken und Salat ernähren", sagte der Sprecher der Gesellschaft, die zweimal jährlich die weltgrößten Modemessen veranstaltet, der Deutschen Presse-Agentur.
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dpa / bri
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