
20.01.2011, 14:48 Uhr | Barbara Hans, Spiegel-Online
Modebranche unterzeichnet Regierungs-Charta gegen Schlankheitswahn. (Foto: rtr)Über die Folgen der Magersucht auf den europäischen Laufstegen wurde in den vergangenen Jahren heftig diskutiert. Die Politik mischte sich ein, forderte ein Mindestalter und ein Mindestgewicht für die Models bei den Schauen - als könne man ein Ideal verordnen wie ein Medikament. Was folgte, war landauf landab vergleichbar: Die Politik initiierte Aktionspläne, appellierte an Veranstalter und Designer und die Einsicht der Modeindustrie. Die Models wurden vermessen und gewogen und bei Nichtgefallen von den Schauen verbannt. Der Ausschluss der Mager-Mannequins wurde als Erfolg gefeiert - als habe man die Krankheit ein für allemal ausgerottet.
Das Niveau der Diskussion war erschreckend niedrig, Symptome wurden mit Ursachen verwechselt und eine simple Kausalität unterstellt: Weil die Modeindustrie dürre Models über die Laufstege staksen lässt, erkranken immer mehr junge Frauen an Magersucht. Mit Feuereifer machte man sich daran, dem Magerwahn Einhalt zu gebieten. Frankreich debattierte, den Straftatbestand "Anstiftung zur Magersucht" einzuführen, Prada und Versace versprachen, keine "Skelett-Models" mehr zu engagieren und in Deutschland unterzeichnete die Modeindustrie gemeinsam mit der Politik ein Manifest gegen den Magerwahn.
Allein: Die deutsche Modeindustrie hat kein Problem mit zu dünnen Models - deshalb fiel es den Beteiligten nicht schwer, die "Nationale Charta der deutschen Textil- und Modebranche" auf den Weg zu bringen. Auf den Düsseldorfer Igedo-Modemessen tummeln sich keine Magermodels - hier geht es nicht um Haute Couture, sondern um das, was in den Schaufenstern der Fußgängerzonen hängt. Und die deutsche Durchschnittsfrau trägt mehrheitlich nicht Size Zero, sondern Größe 42.
Der Mann, der die Maße der Deutschen kennt wie kaum ein anderer, weiß, dass das Volk der Dichter und Denker in den vergangenen Jahren immer größer, aber auch dicker geworden ist. Er formuliert es nur schmeichelnder: "Wir sagen lieber, die Deutschen sind kräftiger geworden", sagt Martin Rupp, der beim Forschungsinstitut Hohenstein für die Reihenmessung "Size Germany" verantwortlich war. Vom 1. Juli 2007 bis zum 31. Oktober 2008 wurden in ganz Deutschland 13.362 Männer, Frauen und Kinder vermessen. Das Ergebnis: In der Realität haben die Deutschen an Hüften und Po in den vergangenen Jahren ordentlich zugelegt. Die jüngste Gesundheitsstudie der OECD belegt, dass der Anteil übergewichtiger weiblicher Teenager innerhalb weniger Jahre deutlich zugenommen hat. Magerwahn mag ein wachsendes Problem sein, doch das Übergewicht ist es auch.
Was also nützt die Charta einer Modeindustrie, die ihr Geld ohnehin eher mit Hüftgold als mit herausstehenden Knochen verdient? Der Wahn zeigt sich nicht an den Kleiderstangen der Kaufhäuser, er lebt vor allem im Netz, in sogenannten "Pro Ana"-Foren, in denen meist junge Mädchen dem Hunger huldigen und Frauen wie Isabelle Caro verehren - für ihre Willensstärke, ihr Durchhaltevermögen, ihre Standhaftigkeit, ihre markanten Schlüsselbeine und konvex geformten Oberschenkel. Nicht alle Teilnehmer in "Pro Ana"-Foren sind essgestört - viele wären es nur gern.
Die Foren zeigen, was wirklich schief läuft: Die jungen Frauen werden nicht magersüchtig, weil bei den Schauen in Paris klapperdürre Frauen zu sehen sind. Sie werden es vielmehr, weil ihr Selbstbild gestört ist, weil Dünnsein mit Starksein gleichgesetzt wird. Wer den Magerwahn bekämpfen will, muss sich mit den Idealen einer Gesellschaft und dem Rollenverständnis der Frauen auseinandersetzen.
"Gewicht nimmt einen zu großen Stellenwert ein", sagt Caro. "Vor den Sommer muss man eine Diät machen und abnehmen, nach dem Sommer muss man abnehmen." Auch der Diätwahn ist ein Ausdruck gestörter Körperwelten, kranker Geschichten die zu Krankengeschichen werden. "Es wird so getan, als würde man mit dem Idealgewicht auch das Glück erreichen", sagt Caro einen ihrer allzu wahren Sätze, "doch das ist eine Illusion."
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Barbara Hans, Spiegel-Online
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