22.02.2010, 09:32 Uhr | Jens Lubbadeh
"Wir brauchen eine Männerförderung nach gleicher Strategie wie die Frauenförderung der letzten Jahrzehnte", sagt Hurrelmann. Männer müssten ihre Rolle erweitern - genau wie es die Frauen in den letzten Jahrzehnten getan haben. Doch dabei gibt es ein Problem: Während die Rollenerweiterung bei der Frau - die Eroberung der eigenen Karriere - hervorragend geklappt hat, wurden Männer, die sich umgekehrt in Frauendomänen begaben, oft als Weicheier verspottet. Walter Hollstein, Geschlechterforscher von der Universität Bremen und Autor des Buches "Was vom Manne übrigblieb", sieht vor allem das Problem, dass ehemals als typisch männlich geltende Tugenden gesellschaftlich mittlerweile als Stigma gelten - seiner Ansicht nach eine Folge der ursprünglich von feministischen Bewegungen verbreiteten Bilder, die mittlerweile Eingang gefunden hätten in die populäre Kultur.
Die Welt sei weiblicher geworden, meint Hollstein. Das Weibliche gelte mittlerweile als die Norm, das Männliche als pathologisch. "Von den Männern werden zunehmend typisch weibliche Eigenschaften verlangt, sie sollen mehr kommunizieren, mehr Gefühle zeigen." Frauen schrieben mittlerweile die Drehbücher und verteilten die Rollen. So auch in den Kindergärten und Schulen, die sich laut Hurrelmann die Frauen in den letzten Jahrzehnten ebenfalls nach und nach erobert hätten. Die Folge: "Jungen werden in der Schule nicht genügend angesprochen." Das weibliche Lehrpersonal, bestätigt Hollstein, setze im Klassenzimmer eher auf eine mütterliche und harmonische Atmosphäre - die aber widerspreche den Grundbedürfnissen der Jungen. Und auch Matthias Franz, Psychologe von der Universität Düsseldorf, meint: "Es fehlt an männlicher Präsenz und damit von dringend notwendigen Identifikationsfiguren in Kitas und Grundschulen."
Es ist ein Zustand, der nach Ansicht Hollsteins von den Männern auch selbst mit verschuldet ist: "Wenn ein ehemaliger männlicher Bundeskanzler Familien- und Bildungspolitik als 'Gedöns' abtut, müssen wir uns nicht wundern." Zudem hätten Männer kaum Advokaten für ihre eigene Sache, sagt Hollstein. Und die wenigen liefen Gefahr, sofort als Chauvinisten diffamiert zu werden. Zudem gebe es kaum Jungen- und Männerforschung. Gerhard Amendt, Soziologe an an der Universität Bremen, der Scheidungsväter erforscht, sagt: "Wir wissen nur sehr wenig über Männer." Auch verweigere die Bundesregierung den Männern einen Gesundheitsbericht, so wie es ihn seit Jahren für Frauen gibt, meint Hollstein.
Hurrelmann, Hollstein, Franz - sie fordern mehr männliche Erzieher und Lehrer. Notfalls, so Hurrelmann, auch über eine Quotenregelung. Aber auch über bessere Bezahlung und Werbekampagnen solle der Lehrerberuf für Männer wieder attraktiver werden. Im Unterricht helfe es nicht, Klischees aus politischer Korrektheit umgehen zu wollen, so Hurrelman. Nach wie vor gelte, dass 50 Prozent der Eigenschaften genetisch bestimmt seien und 50 Prozent durch die Umwelt. "Jungen sind einfach anders als Mädchen - und das müssen wir akzeptieren." Stattdessen bekämen sie viel zu oft negative Signale, dass es nicht in Ordnung ist, wie sie sind. Hollstein zitiert provozierend den amerikanischen Psychologen und Kinderarzt Lawrence Diller: "Wenn Tom Sawyer und Huckleberry Finn heute einen Kinderarzt aufsuchen würden - man würde bei ihnen ADHS diagnostizieren und sie mit Ritalin behandeln."
Auf die Eigenheiten von Jungs müsse Rücksicht genommen werden, fordert Hurrelmann daher: "Jungen müssen in der Schule ihre Körperlichkeit und Aggression einbringen können." Und sie brauchen klare Regeln im Unterricht, "denn sie erfassen sie nicht so schnell wie die Mädchen". Außerdem benötigen sie Hilfe für ihre eigene Selbstorganisation: "Ihre Frustrationstoleranz muss trainiert werden, damit sie angesichts von Misserfolgen nicht so schnell aufgeben."
Basierend auf diesen Strukturänderung im Unterricht müsse man dann Jungen und Männer ermuntern, ihre Rolle zu erweitern, sich Fähigkeiten jenseits des klassischen Männerbildes anzueignen: Sprache, Kommunikation, Empathie, offenen Umgang mit Gefühlen. "Beide Geschlechter müssen die Möglichkeit haben, mit ihrer Geschlechtslagerung zu spielen und sich andere Gebiete jenseits ihrer archetypischen Lagerung zu erobern", so Hurrelmann. Auch Hollstein fordert: "Wir Männer müssen mehr Empathie entwickeln, um uns selbst mehr zu verstehen." Nur so könnten Männer die heutigen Probleme von Männern durchschauen und Besserungen anstreben.
Doch vor einem warnt Hurrelmann ausdrücklich: das untergründige Spannungsverhältnis der Geschlechter kaputt zu machen und zu zerreden. "Frauen", sagt Hurrelmann, "brauchen einen Partner, der verlässlich ist." Der ist aber eben auch anders als sie selbst.
Quelle: Spiegel Online
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