
12.07.2011, 14:52 Uhr | Tom König
Verbraucher werden mit Imitatschinken in die Irre geführt. (Foto: imago)
Die Politik simuliert Aktivität: Auf dem neuen Mitmachportal lebensmittelklarheit.de können Kunden öffentlich Lebensmittel beanstanden. Tatsächlich beweist die Web-Seite vor allem eines: Der Regierung fehlt der Mumm, gegen den Etikettenschwindel vorzugehen. Sie schickt die Verbraucher vor.
Schon wieder bin ich reingefallen, diesmal auf Bertolli. Deren Pesto "nach traditioneller Rezeptur aus erlesenen Zutaten" (Eigenwerbung) sah im Regal ganz lecker aus. Auf dem Etikett war ein Mörser mit Pinienkernen abgebildet, daneben eine Flasche Olivenöl. Beides sucht man in der grünen Industriepampe jedoch fast vergeblich - der Anteil liegt jeweils unter drei Prozent. Stattdessen enthält Bertolli Pesto Verde, wie ich später im Internet erfahre, Kartoffelflocken. Kartoffeln im Pesto? Mamma mia!
Während diese Pesto-Panscherei gut dokumentiert ist, bin ich bei vielen anderen Lebensmitteln ratlos. Verständliche, gut gebündelte Informationen sind Mangelware. Immer wieder landet in meinem Einkaufswagen deshalb Mampfmüll, den ich besser nicht gekauft hätte: Erdbeerjoghurt ohne Erdbeeren oder Würstel, die vor allem aus Fleischabfällen und Knochenmehl bestehen.
Lebensmittelklarheit.de soll das ändern. Das Portal der Verbraucherzentralen startet in der kommenden Woche, Konsumenten können dort konkret Produkte beanstanden. So kann man an zentraler Stelle nachlesen, ob eine Irreführung vorliegt. Finanziert wird das Ganze vom Verbraucherministerium.
Die Foodbranche schreit natürlich Zeter und Mordio. In der Branchenpostille "Fleischwirtschaft" ereifert sich etwa der Lebensmittelrechtler Gerd Weyland über die Transparenz des neuen Portals. Es sei "höchst problematisch", dass dort richtige Produkte gezeigt würden. Dies führe womöglich dazu, dass Fragen der Lebensmitteltäuschung "nicht im allgemeinen", sondern "anhand vereinzelter Produkte" geführt würden.
Schlimmer noch: Der Hersteller werde in die Ecke gedrängt und "muss sich öffentlich für die konkrete Aufmachung seines Erzeugnisses rechtfertigen", sorgt sich der Jurist. Das ist ja in der Tat höchst skandalös. Jetzt wollen Konsumenten im Netz schon über konkrete Sachverhalte diskutieren - und fordern von den Verantwortlichen dann sogar noch, dass diese Rechenschaft für ihr Tun ablegen! Wo soll das bloß hinführen? Womöglich in eine kritische Verbrauchergesellschaft, die auf ihre Rechte pocht? Kein Wunder, dass es der Foodlobby graust. Aber Polemik beiseite: Bei ihrer Kritik am "Klarheit und Wahrheit"-Portal hat die Industrie zumindest einen guten Punkt: Ob Pesto-Pampe oder Formfleischschinken - all diese Lebensmittel entsprechen den gesetzlichen Vorschriften. Wenn ein Produkt aber "frei verkehrsfähig" ist, dann kann ja wohl keine Verbrauchertäuschung vorliegen, argumentiert Weyland.
Es stimmt leider, vorsätzliche Irreführung beim Essen ist legal. Wenn ich einen Eichenschrank kaufe, der sich später als Buche entpuppt, kann ich klagen. Wenn ich eine Kirschlimo kaufe, auf deren Etikett pralle Früchte zu sehen sind, die aber keine Kirschen enthält? Pech gehabt. Schuld an dieser staatlich sanktionierten Falschmünzerei ist vor allem die Politik, die über Jahrzehnte in trauter Eintracht mit den Lebensmittelkonzernen Kennzeichnungen ausgetüftelt hat, die keinem Menschen einleuchten. Wieso darf man Produkte mit bis zu 50 chemischen Zusatzstoffen als Bio-Lebensmittel bezeichnen? Legal mag das sein. Logisch ist es nicht.
All das war möglich, weil wir ahnungslos gehalten wurden und uns nicht für das Thema interessierten. Dies hat sich dank Internet und Verbraucherorganisationen geändert. Die Politik beginnt deshalb, ihren unheiligen Pakt mit der Lebensmittelindustrie zu überdenken. Leider tut sie das sehr zaghaft. Man sollte lebensmittelklarheit.de nicht als Akt politischer Courage deuten, sondern eher als Akt der Feigheit. Wäre es der Regierung ernst, dann würde sie jene Gesetze ändern, die es erlauben, dass aus Holzspänen erzeugtes Erdbeeraroma das Adjektiv "natürlich" tragen darf.
Dazu jedoch fehlt der Mumm. Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) spielt das Thema deshalb über Bande: Auf lebensmittelklarheit.de sollen die Verbraucher den Foodkonzernen einfach selber Beine machen. Aigner kann sich fein heraushalten. Nachdem mir die Politik den getürkten Erdbeerjoghurt also eingebrockt hat, soll ich ihn nun also selber überprüfen und melden, wenn ich ihn schon nicht auslöffeln will. Sich so etwas auszudenken, dazu gehört eine Menge Chuzpe. Die Politik signalisiert so Bewegung, ohne sich zu bewegen. Vielleicht hat sie sich diese Strategie bei ihren Ex-Freunden von der Lebensmittelindustrie abgeguckt, die seit Jahren von Dialog- und Lernbereitschaft reden, aber nie die Rezepturen ändern.
Funktionieren wird das nicht. Weder Politiker noch Hersteller können auf Dauer eine kapitalistische Grundregel ignorieren: Man kann Kunden nichts anbieten, was diese nicht wollen. Sonst geht man pleite, und das zu Recht. Den meisten geht es vermutlich wie Kunde König. Mir ist es egal, ob diese Pesto-Pampe laut irgendeinem EU-Paragrafen einwandfrei ist. Mir ist wurscht, dass "Original Schwarzwälder Schinken" de jure aus holländischem Schweinefleisch bestehen darf. Als Kunde möchte ich darüber weder mit Winkeladvokaten noch mit Herstellern diskutieren. Ich möchte einfach gescheit gekennzeichnete Lebensmittel. Ansonsten wähle ich eine andere Nudelsoße. Oder eine andere Partei.
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Quelle: Spiegel Online
michel aus köln schrieb:
am 12. Juli 2011 um 19:35:08
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mogelpackung
hier noch ein gutes Beispiel von REWE: "2 Wildlachsfilets" (tiefgerfroren, 250 g). Nach dem Auftauen und Abtupfen wogen
die beiden farblosen Fischstücke nur noch 204 g! Weiteres Wasser verdampfte später beim Braten. Und der Geschmack? Fehlanzeige! Habe REWE dazu angeschrieben, jedoch keine sachdienliche Informationen erhalten ...
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michel schrieb:
am 12. Juli 2011 um 19:17:58
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Mogelpackung
ich vermisse den Link zur Webseite für die Veröffentlichung von Etikettenschwindel!
Ich hätte noch weitere
"Spitzenbeispiele" zu bieten ...
michel aus Köln
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Hilzendegen schrieb:
am 12. Juli 2011 um 18:44:15
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Lebensmittelkennzeichnung
Es ist bezeichnend für Frau Aigner, dass sie keine klare Gesetzgebung bevorzugt. Beispiele gibt es sehr viele:
Ampelkennzeichnung z.B. für Salz, Zucker Fett. Wer war dagegen: Frau Aigner. Nachdem es Druck aus der Bevölkerung gab, stimmte sie einer erweiterten Kennzeichnung zu: siehe letzter EU-Beschluß. Giftstoffe im Trinkwasser/Quellwasser: namentliche Nennung der Firmen und Beaknntgabe -Fehlanzeige. WANN WIRD DIESE FRAU, die das Volk vertreten soll, ENDLICH GECHASST??
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