15.01.2010, 14:15 Uhr | apn, Benjamin Wünsch
Wer häufig einen Juckreiz verspürt, sollte sich vom Arzt durchchecken lassen. (Foto: imago)Die Verlockung ist groß. Geradezu reflexhaft suchen sich die Fingernägel ihren Weg. Wenn es juckt, wollen wir nur das Eine: Kratzen. Obwohl wir wissen, dass es der Haut schadet und das Problem nur verstärkt. Fast jeder kennt das Dilemma, etwa nach einem Mückenstich. Für manche ist es allerdings ein quälender Dauerzustand.
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Chronischer Juckreiz ist fast eine Volkskrankheit. Bis zu 17 Prozent der Bevölkerung sind betroffen, das hat eine Studie der Universitätsklinik in Münster ergeben. Bei Patienten über 65 Jahren liegt die Rate sogar bei bis zu 23 Prozent. "Je älter, desto häufiger", sagt die Hautärztin Sonja Ständer. Die Behandlung kann schwierig sein, weil die Ursachen für das Jucken vielfältig sind. "Nicht nur Hauterkrankungen, sondern auch neurologische und psychiatrische Erkrankungen lösen Juckreiz aus", erklärt Ständer. Unter ihrer Leitung wird das in Fachkreisen auch "Pruritus" genannte Symptom in Münster daher in einem "interdisziplinären Kompetenzzentrum" angegangen. Die Pruritus-Forschung steckt noch in den Kinderschuhen. Lange wurde das Phänomen vernachlässigt. "Als Einzelsymptom wurde ihm nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt, da man die Neurobiologie des Symptoms nicht verstand und davon ausging, dass mit Therapie der Grunderkrankung auch das Symptom verschwindet", sagt Ständer. In vielen Fällen laufe Juckreiz allerdings nicht synchron mit der Grunderkrankung. Daher sei oftmals eine spezielle Versorgung der Patienten notwendig.
Während akuter Juckreiz, etwa nach einem Mückenstich, meist schnell wieder vorbeigeht, ist der chronische Juckreiz krankhaft. Nicht selten wird er zu einer schweren körperlichen und seelischen Belastung. Wer über einen Zeitraum von mehr als sechs Wochen kontinuierlich darunter leide, solle unbedingt ärztliche Hilfe aufsuchen, rät die Fachmedizinerin aus Münster: "Dabei ist es unerheblich, ob der Juckreiz am gesamten Körper oder nur an einzelnen Stellen vorhanden ist." In einer "Juckreiz-Sprechstunde" geht Ständer gemeinsam mit ihren Patienten auf Spurensuche. Die Liste der möglichen Auslöser ist lang: Hauterkrankungen, Störungen der Leber- oder Nierenfunktion, Vitaminmangel, Zuckerkrankheit, Schilddrüsenfunktionsstörungen, Darmerkrankungen, Einnahme bestimmter Medikamente oder in seltenen Fällen bösartige Erkrankungen. Aber auch Stress, etwa durch zunehmende Belastung im Beruf oder in der Familie, könne als Ursache in Betracht kommen. "Stress fördert die Entstehung von Juckreiz und bei bereits bestehendem Juckreiz verschlechtert er diesen", sagt die Hautärztin deutlich. Gerade bei Patienten, die unter Neurodermitis litten, sei dies häufig zu beobachten - mit Zunahme von Stress verschlechterten sich die Ekzeme und der Pruritus.
Jährlich werden rund 1300 Patienten an dem Kompetenzzentrum betreut. Eine Therapie, zu der in vielen Fällen auch ein stationärer Aufenthalt gehört, kann langwierig und schwierig sein. Bei bis zu 70 Prozent der Patienten lässt sich chronischer Juckreiz damit aber wirksam behandeln. Als "Erste-Hilfe-Maßnahmen" für zu Hause empfehlen die Experten unter anderem das Tragen von luftiger, nicht-synthetischer Kleidung, kurzes Anlegen von feuchten oder kühlenden Umschlägen, kaltes Duschen sowie das Eincremen zur Rückfettung der Haut. Wichtig sind solche Hausmittel vor allem, damit der Teufelskreis aus Jucken und Kratzen durchbrochen wird. "Kratzen ist die reflexartige Antwort auf Juckreiz und vermag diesen zu stillen", sagt Ständer. Doch das Aufkratzen der Haut verursacht wiederum juckende und entzündliche Hautveränderungen sowie Juckreiz bei der Wundheilung. Einige Patienten kürzen die Nägel und tragen nachts Handschuhe. Tagsüber kann das Kratzen auf kleine Kratzkissen "umgeleitet" werden. Eine Dauerlösung ist das aber nicht, wie die Hautärztin betont: "Kratzen kann willentlich nur für kurze Zeit unterdrückt werden. Der Kratzwunsch wird nachhaltig erst bei Therapie des Juckreizes verschwinden."
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