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Herzchirurg Dr. Reinhard Pregla: Bereitschaft zur Organspende stärkt die Gesellschaft

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Bereitschaft zur Organspende stärkt die Gesellschaft

14.04.2010, 12:14 Uhr | tze

Dr. Reinhard Pregla (Foto: Deutsches Herzzentrum Berlin)

Dr. Reinhard Pregla (Foto: Deutsches Herzzentrum Berlin)

Eine größere Bereitschaft zur Organspende kann die Gesellschaft positiv verändern. Diesen Gedanken vertritt die Initiative Pro Organspende, die das Deutsche Herzzentrum Berlin ins Leben gerufen hat. Im Interview mit t-online.de spricht Herzchirurg Dr. Reinhard Pregla über die Folgen der sinkenden Bereitschaft zur Organspende, über Vorurteile und Ängste, aber auch über die große Chance, Leben zu retten und im Notfall selbst lebensrettende Hilfe zu erhalten.

t-online.de: Herr Dr. Pregla, für Sie ist Organspende nicht nur aus medizinischer, sondern auch aus gesellschaftlicher Sicht eine wahre Herzensangelegenheit. Was bewegt Sie zu Ihrem unermüdlichen Engagement?

Dr. Reinhard Pregla: Wenn Sie heute auf eine Organspende angewiesen sind und auf die Warteliste kommen, stehen Sie im Prinzip auf einer Todesliste. Jeder dritte stirbt, bevor ein geeignetes Organ zur Verfügung steht. Die Wartezeiten von Patienten für eine Organverpflanzung sind erschreckend lang geworden. In Deutschland warten 12.000 Menschen auf ein Spenderorgan. Davon sterben jedes Jahr etwa 3000. Und wir als Ärzte sind dazu verurteilt, ohnmächtig in die verzweifelten Augen unserer Patienten zu sehen, denen wir eigentlich fast allen helfen könnten.

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t-online.de: Wie viele Herzen werden jährlich in Ihrer Klinik verpflanzt?

Dr. Reinhard Pregla: In den letzten fünfzehn Jahren hat sich die Anzahl der Herztransplantationen in ganz Deutschland von rund 600 auf 300 halbiert. Hier im Deutschen Herzzentrum Berlin verpflanzen wir derzeit nur noch etwa 50 Herzen pro Jahr. Früher waren es noch 120. Außerdem haben wir durch die langen Wartezeiten immer mehr extrem kranke Patienten, für die oft schon die Operation ein lebensgefährliches Risiko ist.

t-online.de: Warum gibt es immer weniger Spenderorgane?

Dr. Reinhard Pregla: Tragischerweise nimmt die im europäischen Vergleich ohnehin niedrige Bereitschaft der Bundesbürger für Organspende stetig ab - trotz besserer Aufklärung über das Thema.

t-online.de: Woran liegt das?

Dr. Reinhard Pregla: Der Charakter unserer Gesellschaft hat sich verändert. Die Leute sind mehr auf sich selbst konzentriert. In den letzten Jahren wurde der Individualismus vergöttert. Opferbereitschaft und Barmherzigkeit kommen erst auf, wenn wir selbst auf Hilfe angewiesen sind. Bei einer schweren Erkrankung wird fast jeder für sich oder sein Kind ein Spenderorgan annehmen. Aber umgekehrt ist nur jeder Fünfte bereit, nach seinem Tod Organe zu spenden. Jeder sollte sich die Frage stellen "bin ich bereit, selbst zu schenken, was ich von anderen dankbar annehmen würde?" Einen Organspendeausweis auszufüllen, kostet nichts. Man erklärt sich bereit etwas zu geben, das man nach seinem Tod nicht mehr braucht. Aber man schenkt anderen Menschen damit Leben.

t-online.de: Wie will die Initiative ProOrganspende den Bürgern diesen Gedanken vermitteln?

Dr. Reinhard Pregla: Meine Hoffnung ist, dass man anhand eines so drastischen Beispiels wie Organspende ein Umdenken erreichen kann. Es geht darum, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken und damit auch etwas Gutes für sich selbst zu tun. In einer Gesellschaft, in der man hilft und sich darauf verlassen kann, Hilfe zu bekommen, fühlt man sich gut aufgehoben. Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einem Fahrstuhl mit vier unbekannten Menschen und wissen, dass mindestens drei davon bereit wären, Sie mit dem größtmöglichen Geschenk des Lebens zu beschenken.

Mit der Bereitschaft zur Organspende ändert sich meistens auch die Lebenseinstellung. Wer bereit ist, einem anderen sein Herz zu geben, wird ihn nicht beim Autoverkauf über den Tisch ziehen. Die Initiative ProOrganspende möchte ein positives Lebensgefühl vermitteln. Es geht nicht darum, jemandem ein Organ herauszuschneiden.

t-online.de: Aber genau davor haben doch viele Menschen Angst. Ein weit verbreitetes Vorurteil lautet: "Wenn ich verunglücke und einen Organspendeausweis in der Tasche habe, werde ich womöglich nicht so intensiv versorgt, weil die Ärzte auf meine Organe lauern." Können Sie diese Befürchtung entkräften?

Dr. Reinhard Pregla: Ja. Zunächst muss man verstehen, dass als Organspender nur Menschen in Frage kommen, bei denen der Hirntod eingetreten ist. Wird ein Verunglückter eingeliefert, kann der Arzt gar nicht auf den ersten Blick beurteilen, ob und wie stark das Gehirn geschädigt wurde. Zunächst werden Herz, Atmung und Kreislauf stabilisiert und Wunden versorgt. Wenn der Patient in den folgenden Tagen nicht zu Bewusstsein kommt, werden die Hirnfunktionen gründlich geprüft. Die Maxime auf der Intensivstation lautet "was können wir tun, um diesen Menschen zu retten?" Zu diesem Zeitpunkt weiß man auch noch gar nicht, ob der Patient einen Organspendeausweis besitzt. Die persönlichen Gegenstände sind zur Aufbewahrung weggeschlossen oder wurden Angehörigen mitgegeben.

Bestehen nach Prüfung der Hirnfunktionen keine Überlebenschancen, wird von einem externen Expertenteam die Hirntoddiagnose eingeleitet. Dafür gibt es eindeutige Richtlinien. Nach moderner medizinischer Definition ist ein Mensch unumkehrbar tot, wenn der Hirntod eingetreten ist. Steht diese Diagnose fest, kann der Arzt die Maschinen abstellen. Ganz wichtig: Dies ist keine Sterbehilfe.

t-online.de: Aber vorher wird geprüft, ob der Verstorbene als Organspender in Frage kommt?

Dr. Reinhard Pregla: Zunächst werden die Angehörigen informiert und dabei üblicherweise die Bereitschaft zur Organspende geklärt. Es stimmt nicht, dass eine Organspende in aller Hektik abläuft. Den Körper, beziehungsweise Stoffwechsel und Blutkreislauf eines hirntoten Patienten kann man mit entsprechendem medizinischen Aufwand einen bis mehrere Tage aufrechterhalten. Im Fall einer Organspende sind die nächsten Schritte klar geregelt: Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) koordiniert den Ablauf. Sie schickt ein spezielles Ärzteteam für die Untersuchung und Versorgung der zu spendenden Organe, informiert die internationale Organvermittlungstelle Eurotransplant und organisiert den Transport.

t-online.de: Wird immer die Einverständnis der Angehörigen eingeholt?

Dr. Reinhard Pregla: In Deutschland gilt die erweiterte Zustimmungslösung. Rechtlich gilt, was man selbst im Organspendeausweis angekreuzt hat. Wenn der Patient keine Zustimmung hinterlassen hat, können die Angehörigen entscheiden. Sie sind in der Regel bemüht, im Sinne des Verstorbenen zu entscheiden. Falls einige Familienmitglieder für eine Organspende sind, aber andere dagegen, werden keine Organe entnommen.

t-online.de: Befürworten Sie die Widerspruchsregelung, nach der jeder als Organspender gilt, sofern er nicht ausdrücklich widersprochen hat?

Dr. Reinhard Pregla: Noch besserfinde ich die Bonus-Lösung, die in den USA gilt. Dort wird man in einer zentralen Datei registriert, wenn man sich zur Organspende bereit erklärt. Das wirkt sich als Bonus aus, wenn man selbst ein Spenderorgan benötigt. Das heißt, bei gleicher Dringlichkeit und gleichem Lebensalter werden die Patienten bevorzugt, die selbst am längsten als Organspender registriert sind. Das schafft Transparenz und Gerechtigkeit.

t-online.de: Vielen Dank für das Interview.


tze  

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Kommentare (16)

zum Forum

Thema: "Herzchirurg Dr. Reinhard Pregla: Bereitschaft zur Organspende stärkt die Gesellschaft"

www schrieb: am 8. Dezember 2011 um 20:27:35
(0) (1) Organspenden
Organspenden stärken vor allem das Konto des Dr. Pregla.

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Stefan schrieb: am 24. November 2011 um 20:43:36
(0) (0) Organspende
Die Bedingung für eine Spende ist, daß der Patient hirntot ist, alle anderen Todesarten sind für eine Organspende nicht
geeignet. Herzinfarkt in der Klinik: Patient nicht geeignet Tödlicher Unfall : Patient nicht geeignet. Tod ist anscheinend nicht gleich tot
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Chris schrieb: am 16. November 2011 um 14:36:47
(0) (1) Führerschein
Als Motorradfahrer bin ich ohnehin ein rollendes Ersatzteillager und trage seit 14 Jahren einen Spendeausweis bei mir -
inzwischen das 5. Exemplar. Ich wäre für einen Vermerkt auf'm Führerschein wie es die Amis auch tun. Und alle Gegenmeinungen die hier geäußert wurden, ließen sich entkräften, wenn die Äußerer sich mit dem Thema befassen würden. Wie soll ein (Hirn) toter Mensch noch was empfinden!? Die Würmer merkt man ja auch nicht, die sich im Grab über einen hermachen, oder!? Stichwort Lo
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