01.11.2011, 12:49 Uhr | tp
Acht Jahre hat Jeanette in einer Beziehung gelebt, in der Gewalt auf der Tagesordnung stand. Unzählige Male musste sie die Spuren häuslicher Auseinandersetzungen in der Notaufnahme der Klinik behandeln lassen. Ein Einzelfall? Mitnichten!
Fast jede vierte Frau erlebt mindestens einmal im Leben Gewalt durch den Lebenspartner. Das bestätigt die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Auftrag gegebene Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“. Zur angewandten Gewalt zählen körperliche, sexuelle Übergriffe so wie psychische Nötigungen. Das Vorurteil, dass „so etwas“ doch nur „im Unterschichtenmilieu“ vorkommt, kann die vierunddreißigjährige Jeanette widerlegen – denn sie gehört eher „den besseren Kreisen“ an: Ihr Mann ist Manager in einem großen Konzern, Akademiker, gebildet.
„Die Handlungsmuster sind in allen sozialen Schichten die gleichen. Vielleicht ist manchmal der Umgang mit der Situation ein anderer." Auch Christine Gehrmann, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Gifhorn hat in ihrer täglichen Arbeit viele Fälle häuslicher Gewalt kennengelernt: "Gerade Frauen aus Akademiker-Familien versuchen oft noch stärker, es zu verbergen bis es nicht mehr geht“, berichtet sie. So war es auch bei Jeanette. Nach außen spielte sie ihre Rolle der glücklichen Ehefrau perfekt. Für ihre zahlreichen Verletzungen hatte sie immer eine gute Ausrede parat. Im Freundeskreis war sie bei allen als Pechvogel und „Schussel“ bekannt – irgendeine Läsion hatte sie schließlich immer. „Meine engsten Freundinnen haben schon etwas geahnt und mich auch mehrfach eindringlich darauf angesprochen, mir Hilfe angeboten. Aber niemals hätte ich zugegeben, dass mein Mann mich regelmäßig krankenhausreif schlägt. Es war mir einfach unendlich peinlich und die Schuld habe ich bei mir gesucht“, erzählt sie.
Auch das ist ziemlich typisch, wie Christine Germann weiß: „Schuldig fühlen sich die meisten Opfer, Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein sind – auch durch die psychische Komponente der Gewalt – stark geschwächt. Die meisten Frauen haben einfach Angst zu gehen, Angst etwas Neues zu beginnen, trauen sich nichts zu. Schließlich wurden sie in vielen Fällen jahrelang gedemütigt“, sagt die Expertin. Auch Jeanettes Selbstbewusstsein war ganz unten: „Mein Mann hatte mir immer wieder gesagt und natürlich durch sein Verhalten auch gezeigt, dass ich nichts wert bin. Ich dachte lange Zeit wirklich, ich hätte die Schläge verdient. Nach besonders schlimmen Gewaltexzessen hat er sich weinend bei mir entschuldigt, doch begründet hat er es immer damit, dass es an mir läge. Ich hätte eben dieses oder jenes falsch gemacht. Da müsse ich doch auch verstehen, dass er ausflippen würde“, erinnert sich die mittlerweile Geschiedene an ihre Ehe zurück.
Wer Gewalt – vor allem in einer Beziehung – noch nie am eigenen Leib erfahren hat, kann eines oft nicht verstehen: Warum gehen Betroffene nicht einfach? Der Ausstieg aus dem Gewaltkreislauf fällt jedoch oft schwer. Auf Schläge und Beschimpfungen folgen meist Entschuldigungen und Beteuerungen, dass es nie wieder vorkommen würde – manchmal sogar materielle „Entschädigungen“. „Immer wenn mein Mann mich richtig schlimm zugerichtet hatte, machte er mir ein paar Tage später ein großzügiges Geschenk. Mal war es eine Kette, ein Ring oder auch mal eine Reise. Damit wollte er sein Gewissen beruhigen. Und mir gab genau das immer wieder die Hoffnung, er würde sich nun ändern, schließlich bereute er doch zutiefst, was er mir angetan hatte“ erzählt Jeanette. Den Absprung schaffte sie erst, als er sie fast umbrachte. „Ich lag mit einem Milzriss, zwei gebrochenen Rippen, zahlreichen Prellungen und einem Jochbeinbruch im Krankenhaus, mein Zustand war einige Tage mehr als kritisch. Die Ärztin, die mich behandelte, glaubte mir kein Wort, als ich versuchte, meine Verletzungen durch einen Unfall zu erklären. Sie hat mir klar gemacht, dass ich endlich gehen müsse – oder beim nächsten Mal die Schläge vielleicht nicht überleben würde“, blickt die Vierunddreißigjährige zurück.
„Zu gehen bedeutet für die Frauen auch immer, ihre Träume von der glücklichen Familie aufzugeben. Für viele Frauen sind Schläge auch etwas ganz normales – weil sie es gar nicht anderes kennen, oft auch schon in der Kindheit mit Gewalt konfrontiert gewesen sind“, sagt Christine Gehrmann. „ Einmal Opfer, immer Opfer – in zahlreichen Fällen stimmt das so." Dazu kommt, dass sie sich lange Zeit an der Hoffnung aufhalten, dass es besser wird und der Mann sich – wie er immer wieder verspricht, wenn er nach einem Ausbruch bereut – ändert. „Allerdings muss man ganz klar sagen, dass kein Mann einfach aufhört zu schlagen. Nur wenn er aktiv etwas dagegen tut, sich zum Beispiel einer Selbsthilfegruppe anschließt, bereit ist eine Ehe-Therapie zu machen oder an einem Anti-Aggressions-Training teilnimmt, dann will und wird er letztendlich etwas ändern“, so die Gleichstellungsbeauftragte.
Frauen, die unter ihrem gewalttätigen Partner leiden, haben viele Möglichkeiten, Hilfe in Anspruch zu nehmen. In jeder Stadt gibt es ein Frauenhaus, in dem zu jeder Tages- und Nachtzeit eine Aufnahme möglich ist. Wohltätige Organisationen wie die Caritas oder die AWO helfen ebenfalls. Die Opferhilfe WEISSER RING unterstützt darüber hinaus schnell und unbürokratisch, vermittelt Kontakte oder stellt auch finanzielle Mittel kurzfristig zur Verfügung. Das Familiengericht kann nach dem Gewaltschutzgesetz GewSchG den Täter aus der Wohnung verweisen. Auch die Polizei kann bei einem Einsatz tätig werden und den gewalttätigen Partner sofort des Platzes verweisen. Wer schlägt, muss gehen – so sollte die eindeutige Botschaft lauten. Außerdem gibt es in den meisten Städten noch viele kleinere karitative Einrichtungen, die Frauen in schwierigen Lebenssituationen tatkräftig unter die Arme greifen. Die örtliche Polizei hat Adressen und Telefonnummern und vermittelt die notwendigen Kontakte. Männer, die den Weg aus ihrer Gewaltspirale finden möchten, können sich zum Beispiel bei „Männer gegen Männergewalt“ (www.gewaltberatung.org) Hilfe holen.
Wer als Außenstehender Gewalt in Familien und gegen Frauen mitbekommt, sollte versuchen, die Betroffenen anzusprechen, Hilfsmöglichkeiten aufzeigen und seine Unterstützung anbieten.
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tp
Betroffene schrieb:
am 18. März 2012 um 22:57:24
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Psychische Gewalt
Schön, dass dieser Artikel mit dem Vorurteil aufräumt, häusliche Gewalt käme nur in den "unteren Schichten" vor
und Erklärungsansätze bietet, warum frau bei einem gewalttätigen Mann bleibt.
Die Komponente der psychischen Gewalt verdient jedoch deutlich mehr Aufmerksamkeit: gerade WEIL man solche Verletzungen nicht sehen kann und somit betroffene Frauen meist keine Möglichkeit haben, Hilfe und Unterstützung zu erhalten.
Den gebrochenen Arm erkennt jeder als Gewalt, eine gebrochene Seele
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igor aus warmensteinach schrieb:
am 26. November 2011 um 23:18:38
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so in gewissen abstädnen
es wär mal wieder so weit. ich hät richtig lust drauf, na sisse was meinst du, ist sie wirklich ein
"opfer-Typ"? könnte ich es mal probieren? läuft sie danch weg, oder entschulduígt sie sich, dass sie mich so verärgert hat, bis ihr ihr ein kleben musste, ich werd´s mal nicht übertreiben, sie muss morgern früh ja bald raus und den kaffeetisch herrichten und die kids versorgen. da sollte sie wieder fit sein, nicht dass es ihr wie der kleinen chinesin auf dem bayerischen bauerhof geht, die
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Wertachfisch schrieb:
am 19. November 2011 um 19:13:19
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Gewalt in der Beziehung
@sisse-allgäu - auch Männer sind davon betroffen, die Gewalt dieser Frauen hat eine andere Struktur! Es kommt
daher, weil der Mensch die Neigung hat, stets sich auf das "Vertraute" einzulassen! Frau oder Mann sollte sich mal auf eine Beziehung einlassen und sich mit einem Menschen anfreunden deren Struktur eigentlich völlig fremd ist! Sonst wiederholt sich der Alptraum stes erneut
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