31.08.2011, 12:48 Uhr | t-online.de
(Foto: Random House/ Christian Weiss)
Der Radiojournalist Holger Senzel hat wegen Depressionen vier Psychotherapien, Selbstmordgedanken und einen Klinikaufenthalt hinter sich als er beschließt, selber etwas ändern zu müssen. Weder das Aufarbeiten der Vergangenheit noch Psychologen konnten ihm helfen. Deshalb konzipiert er das Unternehmen "Arschtritt": Für 28 Tage sind Alkohol, Nikotin und Zeit zum Grübeln tabu. Stattdessen ist jede Minute mit Aktivität gefüllt. Seine Erfahrungen schildert er im gleichnamigen Buch.
Fünf Jahre nach einem sechswöchigen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik gerät Senzel erneut in eine Lebenskrise. Als ARD-Korrespondent in London fühlt er sich einsam. Selbstzweifel, Sinnfragen und düstere Gedanken an den Herointot seines Bruders lassen ihn nicht los. Doch dieses Mal entscheidet er sich gegen eine Psychotherapie. Diese richten sich zu sehr nach innen und zeigen zu wenige Perspektiven für die unmittelbare Zukunft auf, findet der zweifache Vater. Er bemängelt auch, dass ihm klare Worte oftmals mehr geholfen hätten als Therapeuten auf Kuschelkurs. Nun soll es ein kräftiger "Tritt in den Hintern" bringen. Senzel konzipiert das "Unternehmen Arschtritt". Ihm unterliegt ein Vertrag, den er mit seinem inneren Schweinehund abschließt.
Normalerweise ging der Journalist in Kneipen und Restaurants, seine Wohnung war ungepflegt und auch alltägliche Dinge blieben liegen. Das soll sich ab sofort ändern: 28 Tage lang gibt es weder Kaffee, Süßigkeiten, Alkohol noch Zigaretten. Stattdessen trinkt er grünen Tee und kocht selbst. Jede Minute der 28 Tage ist durchgeplant, für Leerlauf und düstere Gedanken soll keine Zeit mehr bleiben. Einmal in der Woche geht es ins Museum, für die Hausarbeit werden Termine festgelegt, fünf mal die Woche wird im Fitnessstudio trainiert. Damit Senzel den Vertrag einhält und nicht aufgibt, schließt er ihn mit Paragraph 13: "Bei Verstößen beginnt diese Selbstverpflichtung von Neuem für volle 28 Tage."
In seinem Buch schildert der heute 52-Jährige authentisch, wie er versucht durchzuhalten. Hin und wieder kann er nicht wiederstehen und greift zu verbotenen Genussmitteln. Aus den geplanten vier Wochen werden letztlich 88 Tage. 88 Tage, die der Autor als positiv beschreibt. Das Unternehmen "Arschtritt" war erfolgreich: Senzel hat es mit seiner Strategie geschafft, sich aus seinen Depressionen und der Lethargie zu befreien. Den Schlüssel zu seinem Herzen fand er dabei "nicht durch das Graben in der eigenen Seele. Sondern durch offene Augen und das Interesse an anderen Menschen", so Senzel. Heute lebt er mit seiner Frau in Hamburg.
Natürlich können Senzels Schilderungen kein allgemeiner Leitfaden für depressive Menschen sein. Es gibt unzählige Arten und Ursachen der psychischen Erkrankung und sicher kann sich nicht jeder mit einem "Arschtritt" von seinen Symptomen befreien. Oftmals ist die psychologische Behandlung dringend notwendig und von ihr rät auch der Autor niemandem ab. Sein Buch ist ein Erfahrungsbericht, der den Leser an Senzels Weg aus der Lebenskrise teilhaben lässt. Wer sich aber hin und wieder hängen lässt, kann in der "Arschtritt-Methode" einen Gedankenanstoß finden.
"Arschtritt. Mein Weg aus der Depression" ist 2011 im Südwest-Verlag erschienen.
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sybill schrieb:
am 11. Februar 2012 um 15:04:20
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Depressionen
Wenn dieser sogenannte Depressive wirklich depressiv gewesen wäre, dann hätte er 1 andere Erfahrung gemacht. So hat er dies
sich alles selber nur vorgespielt. Dann soll er nicht so 1 Stuss schreiben. das ist wieder etwas auf die Mühlen der Ungebildeten, die Depressionen als etwas halten, was man sich einbildet. All denen wünsche ich von Herzen eine grosse starke Depression!!!!!, aber ohne Hilfe. Ausser dem Arschtritt der Gesellschaft!!!!Und etwas mehr Verständnis für Menschen u. Bildung
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Medi schrieb:
am 6. September 2011 um 17:09:02
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@aus der Tiefe
Hat nicht jede Depression eine "Fehlprogrammierung" des Gehirns als Ursprung oder zur Folge? Unabhängig davon, ob
eine Suchtabhängigkeit vorliegt oder nicht, ist es zumindest nicht verkehrt, andere Methoden auszuprobieren, wenn Medikamente und Therapie nicht helfen. Eben deshalb finde ich die bei Arschtritt beschriebene, wohlgemerkt SELBSTAUFERLEGTE Methode der Abkehr so spannend! Ich wünsche wirklich jedem, der in einer Depri-Spirale steckt, den gleichen Mut, die Zuversicht und den Erfo
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Scrutinizer schrieb:
am 6. September 2011 um 01:13:25
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Heilen
@Apressor: Genau, sehr gut bemerkt. Früher musste die Menschheit ohne Pharmaindustrie auskommen, heute wird die Wissenschaft von ihr
dominiert. Bleibt wachsam. Jedes Mittel hat neben der Wirkung eben auch eine Nebenwirkung! Mal ganz abgesehen vom entlarvenden Placebo-Effekt... Schlagt nach beim weisen Hippocrates: Medicus curat, natura sanat. Sinngemäß: Die eigentliche Heilung geschieht im Patienten selbst, der Therapeut unterstützt ihn nur dabei!
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