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Büroalltag: Müsli und Badelatschen am PC

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Büroalltag: Müsli und Badelatschen am PC

31.08.2010, 11:35 Uhr | FTD, Lucy Kellaway

Im Büro zu frühstücken ist bei vielen Arbeitnehmern beliebt. (Foto: Imago)

Im Büro zu frühstücken ist bei vielen Arbeitnehmern beliebt. (Foto: Imago)

Moderne Büromenschen verlagern immer mehr private Verrichtungen an den Schreibtisch, statt sie wie früher verschämt in die eigenen vier Wände zu verbannen.

Frühstück im Büro

Ich habe da seit Kurzem diesen neuen Kollegen. Meistens kommt er früh, genauso wie ich. Während ich die Zeitungen durchblättere, höre ich ein Rascheln, dann ein "Kling" von Metall auf Porzellan, dann ein "Schlurf, kau, schlürf". Wenn ich mich umdrehe, sehe ich, dass er seine Tastatur beiseite geschoben hat und an seinem Ellenbogen eine Schachtel Frühstücksflocken steht. Die Zerealien werden mit Hingabe verzehrt, während er auf den Bildschirm starrt. Irgendwann steht er auf, trägt die Schüssel zur Spüle, wäscht sie aus und kehrt dann an seinen Arbeitsplatz zurück.

Das geht jetzt seit einigen Wochen so. Dann schrieb mir ein Leser, der in einer Bank arbeitet und mir erzählte, dass sein Kollege keine Akten mehr in seinem Schreibtisch hat, sondern nur noch Frühstücksflockenschachteln. "Was ist denn bloß los?", fragte mich der Leser. Interessante Frage. Frühstücksflocken bei der Arbeit zu essen ergibt keinen Sinn. Sich eine Schüssel Müsli zu Hause zuzubereiten und runterzuschlingen dauert ungefähr 90 Sekunden. Kühlschrank und Geschirrspülmaschine sind beide bequemst zu erreichen. Im Büro muss man erst zum Kühlschrank stapfen und dann die Schüssel auch noch selbst auswaschen.

Stetige Infiltration

Dass sich Leute trotzdem die Mühe machen und am Schreibtisch Cornflakes essen, zeigt, dass eine mentale Barriere gefallen ist. Zwischen den Dingen, die wir bei der Arbeit tun, und denen, die wir bei daheim tun, gibt es keinen Unterschied mehr. In den vergangenen zehn Jahren gab es eine stetige Infiltration von Gegenständen, Aktivitäten und Gefühlen aus dem Privatleben ins Büro. Mittlerweile ist fast nichts mehr übrig, was ganz und gar in die eigenen vier Wände gehört.

Der moderne Büromensch kann inzwischen fast alle persönlichen Morgenrituale auch bei der Arbeit vollziehen. Er kommt in Trainingshose, duscht, putzt sich die Zähne und schminkt sich. Das Büro dient als Garderobe und Wäschekammer, in der Ersatzkleidung, Schuhe und feuchte Handtücher wahllos in der Gegend herumliegen. Auf dem Kleiderständer hinter mir finden sich ein Jackett, ein paar T-Shirts, eine Khakihose und eine Wochenration Hemden aus der chemischen Regierung, die dem Neuen gehören.

Kinder und Hunde werden mitgebracht

Nach ausgiebiger Körperpflege begibt sich der Büromensch an seinen Arbeitsplatz, wo ihn Stofftiere, Teppiche, Blumen und natürlich Fotos der Liebsten und der Haustiere erwarten. Selbst diese Anklänge an zu Hause reichen jedoch nicht. Inzwischen tauchen die lieben Kleinen höchstselbst regelmäßig am Arbeitsplatz auf, in manchen Büros ist es sogar okay, den Hund mitzubringen.

Sex and Drugs and Rock'n'Roll

Die Unterschiede zwischen unserer Kleidung und unserem Verhalten bei der Arbeit und im Privaten werden immer geringer. Vielleicht sind wir bei der Arbeit noch einen Tick besser angezogen und einen Hauch höflicher, aber es geht hier um Feinheiten. Es ist völlig normal, zu brüllen oder zu weinen. Auch Jeans und Flipflops sind gang und gäbe. Selbst auf der Arbeit zu schlafen ist mittlerweile akzeptabel. Es schimpft sich Powernapping, und einige Büros bieten sogar Betten oder Schlafkammern an, um das Abschalten zu erleichtern. Sex and Drugs and Rock'n'Roll sind ohnehin Teil des Büroalltags. Die Nummern eins und zwei sind offiziell verboten, aber wenn niemand guckt, werden sie trotzdem praktiziert. Rock'n'Roll findet ziemlich offen am Arbeitsplatz statt, dem iPod sei Dank. Er erlaubt es uns, öde Stunden in der Gesellschaft von Mick Jagger und Konsorten totzuschlagen. Auch in die andere Richtung verwischt die Technik die Unterschiede: Wir sehen am Arbeitsplatz fern, halten uns über die Aktivitäten unserer Facebook-Freunde auf dem Laufenden, gehen online shoppen und lassen uns unsere Päckchen bequem ins Büro liefern.

Letztes Tabu: der Flanellpyjama

Bleibt denn gar nichts mehr, was wir nur zu Hause tun und nicht bei der Arbeit? Nach einigem Kopfzerbrechen komme ich auf ein knappes halbes Dutzend Dinge, die bislang noch auf die eigenen vier Wände beschränkt bleiben. So ist Nacktheit im Büro noch immer tabu, und auch im Flanellpyjama habe ich noch niemanden am Schreibtisch gesehen. Auch beim Stricken oder der Ölmalerei habe ich noch keinen erwischt, wobei das aber vielleicht daran liegt, dass das auch zu Hause kaum noch jemand tut.

Kinder gebären ist so ziemlich die letzte Aktivität, die die Menschen lieber zu Hause erledigen als bei der Arbeit, aber wahrscheinlich gilt auch das bald nicht mehr. Eine Kollegin schickte mir kürzlich eine E-Mail zu einem Arbeitsthema, während sie in den Kreißsaal geschoben wurde. Ein Geburtswanne im Büro ist also nur der nächste logische Schritt.

Nur eines tun wir immer weniger und weniger im Büro - arbeiten. Aber das ist ja klar: Warum im Büro arbeiten, wenn wir es so bequem zu Hause erledigen können?


Quelle: Financial Times Deutschland

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