
10.11.2010, 08:31 Uhr | Spiegel Online
Bei Knieschmerzen hilft Physiotherapie. (Foto: imago)Die Praxis ist weit verbreitet: Schmerzt das verschlissene Knie, spülen Ärzte das Gelenk und entfernen Entzündungen. Doch der minimal-invasive Eingriff ist bei einer Arthrose überflüssig: Mit Krankengymnastik geht es den Betroffenen offenbar genauso gut.
Das Gerät ist wirklich klein: Es ist ein langer dünner Stab, der durch ein schmales Loch in das Innere des Knies dringt. Der Chirurg kann seine Optik hindurch schieben und ins Gelenk sehen. Ein zweiter kleiner Schnitt dient einem winzigen Skalpell, einer Zange oder einer Schere als Eingang - damit kann der Arzt im Gelenk richten, was nicht mehr funktioniert: keine aufwendige Operation, keine große Wunde, keine hässliche Narbe. Doch bei der Schlüsselloch-Technik gibt es ein Problem: Bei Menschen mit Arthrose, einem chronischen, schmerzhaften und langsam fortschreitenden Gelenkverschleiß, hilft sie offenbar nicht besser als Krankengymnastik, wie kanadische Ärzte jetzt im Fachmagazin "New England Journal of Medicine" berichten.
Mindestens jeder Dritte über 60-Jährige kennt die Probleme, die eine Arthrose im Knie mit sich bringt: Das Gelenk fühlt sich steif an, Bewegungen werden immer schwerfälliger. Bald tut jeder Schritt weh, Treppen hinabsteigen, Beine beugen, Beine strecken, hinsetzen, aufstehen - alles wird zu Qual. Röntgenbilder verraten dann meist, wie es im Inneren des Knies aussieht: Das Gelenk hat sich im Lauf des Lebens abgenutzt. Der Gelenkspalt ist verkleinert, die Knochen von Ober- und Unterschenkel reiben aufeinander, zusätzliche Knochenauswüchse behindern die Beweglichkeit und Flüssigkeit staut sich im Gelenk.
Nicht selten raten Ärzte in so einem Fall zu der beschriebenen Arthroskopie mit dem langen dünnen Stab, über den ein Chirurg überflüssige Knochenteile entfernen und den Gelenkerguss absaugen kann. Ob das jedoch sinnvoll ist, bezweifeln Wissenschaftler schon länger. Mehrere Studien haben in den vergangenen Jahren bereits Hinweise darauf geliefert, dass diese Therapie für die Kniegelenksarthrose wissenschaftlich fragwürdig ist. Nun hat das kanadische Ärzteteam unter der Leitung von Peter Fowler von der University of Western Ontario in London (Provinz Ontario) diese Fragestellung genauer untersucht.
Die Mediziner teilten 172 Patienten mit Arthrose im Kniegelenk in zwei Gruppen ein. 86 von ihnen erhielten ausschließlich Schmerzmittel und eine gezielte Physiotherapie. Die andere Hälfte wurde zusätzlich minimal-invasiv operiert: Die Ärzte spülten das Gelenk und entfernten entzündetes Gewebe. Zwei Jahre später befragten und untersuchten sie ihre Patienten erneut: Die Betroffenen machten Angaben zu Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und allgemein zur Lebensqualität. Bei der Bewertung der Therapie gab es zwischen der Studien- und der Kontrollgruppe keine Unterschiede. Die Patienten, die zusätzlich zur Schmerz- und Physiotherapie operiert wurden, hatten keinen Vorteil gegenüber den übrigen Probanden. Die Autoren fordern nun, die weit verbreitete Therapie noch häufiger in Frage zu stellen.
Quelle: Spiegel Online
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