05.02.2009, 11:57 Uhr | Heike Le Ker/Spiegel Online
Gerade auf Intensivstationen ist die Lage düster. Auf kleinem Raum, wo viele Antibiotika eingesetzt werden, haben die Erreger besonders leichtes Spiel: Sie befallen Patienten, deren Immunsystem ohnehin geschwächt ist. Doch auch auf normalen Klinikstationen und sogar im ambulanten Bereich gibt es Resistenzen. Medikamente aus der Wirkstoffklasse der Fluorchinolone etwa konnten zu Beginn noch zahlreichen Keimen den Garaus machen. Doch weil sie sich bequem schlucken lassen und so hervorragend wirken, haben Mediziner sie massenhaft verschrieben.
"Fast die Hälfte aller Antibiotika, die Ärzte bei Infektionen der oberen Atemwege verschreiben, werden umsonst geschluckt", meint Mikrobiologe Uwe Frank. "Halsschmerzen sind in über 90 Prozent der Fälle viral bedingt, da helfen keine Antibiotika." Hinzu kommt, dass nicht alle Patienten die verordneten Medikamente ausreichend lang und in der richtigen Dosierung schlucken. Auch der massive Einsatz in der Tierzucht begünstigt die Entstehung von Resistenzen.
808 Millionen Euro wurden laut dem Verband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) im Jahr 2007 für Antibiotika im ambulanten Bereich ausgegeben. "Nimmt man die Privatpatienten hinzu und rechnet die Kosten für Antibiotika in den Krankenhäusern hoch, betrugen die Kosten 2007 rund zwei Milliarden Euro", sagt Winfried Kern, Leiter der Infektiologie am Uniklinikum Freiburg. Gemeinsam mit der Paul-Ehrlich-Gesellschaft und dem Bundesamt für Verbraucherschutz hat Kern im vergangenen Jahr erstmals einen Bericht über den Antibiotikaverbrauch und die Verbreitung von Resistenzen in Deutschland herausgegeben.
Es bleiben nicht viele Möglichkeiten, wenn ein Erreger erst einmal resistent geworden ist: Ärzte können zu älteren Medikamenten greifen, doch die wirken oft noch weniger und haben mehr Nebenwirkungen. Neue Substanzen - sofern vorhanden - sind meist teuer und verlieren schnell an Schlagkraft.
Zudem entwickelt die Pharmaindustrie nur mit wenig Elan neue Antibiotika: "Erstens sollen neue Mittel nur im Notfall eingesetzt werden, und zweitens ist die Behandlung meist nach ein paar Tagen abgeschlossen" sagt Uwe Frank, der das EU-Projekt "Burden" zu Antibiotikaresistenzen leitet. "Viel Profit winkt da nicht." Vielversprechender sei da die Suche nach antibakteriell wirkenden Naturstoffen. "Korianderöl oder Senföl wirken antibiotisch", so Frank. "Die Pharmaindustrie dreht auf der Suche nach Phytotherapien gerade den brasilianischen Urwald durch die Mühle."
Wie auch immer die Suche nach antibiotischen Kräutern ausgehen wird - eines scheint klar: "Wissenschaftler, Pharmaindustrie und Regierungen müssen zusammenarbeiten, wenn wir die Oberhand im Kampf gegen die Bakterien behalten wollen", schreiben Arias und Murray im "New England Journal of Medicine". Sonst könnte sich die Menschheit im 21. Jahrhundert in Richtung "Post-Antibiotika-Ära" bewegen. Davor hatte Mitchell Cohen, Direktor an den US-Centers for Disease Control and Prevention, der größten Infektionsbehörde der Welt in Atlanta, schon vor 16 Jahren gewarnt. Fälle wie der tragische Tod von Mariana Bridi da Costa wären dann Alltag.
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